Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren – und die Aus­set­zung lau­fen­der Zivil­pro­zes­se

Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on dür­fen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten kei­ne Ent­schei­dung tref­fen, die einer Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on zuwi­der­lau­fen, Maß­nah­men eines Mit­glied­staa­tes dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob sie eine gemäß Art. 107 AEUV mit dem Bin­nen­markt unver­ein­ba­re und des­halb ver­bo­te­ne staat­li­che oder aus staat­li­chen Mit­teln gewähr­te Bei­hil­fe dar­stel­len; dies gilt selbst dann, wenn die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on nur vor­läu­fi­gen Cha­rak­ter hat [1].

Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren – und die Aus­set­zung lau­fen­der Zivil­pro­zes­se

Falls die natio­na­len Gerich­te die Ansicht ver­tre­ten könn­ten, dass eine Maß­nah­me kei­ne staat­li­che Bei­hil­fe im Sin­ne von Art. 107 Abs. 1 AEUV dar­stellt, und daher ihre Durch­füh­rung nicht aus­zu­set­zen ist, obwohl die Kom­mis­si­on in ihrer Ent­schei­dung über die Eröff­nung des förm­li­chen Prüf­ver­fah­rens fest­ge­stellt hat, dass die­se Maß­nah­me Bei­hil­fe­ele­men­te auf­weist, wür­de die prak­ti­sche Wirk­sam­keit von Art. 108 Abs. 3 AEUV ver­ei­telt, der anord­net, dass der betref­fen­de Mit­glied­staat die beab­sich­tig­te Maß­nah­me nicht durch­füh­ren darf, bevor die Kom­mis­si­on einen abschlie­ßen­den Beschluss erlas­sen hat [2]. Wenn die in der Ent­schei­dung über die Eröff­nung des förm­li­chen Prüf­ver­fah­rens vor­ge­nom­me­ne vor­läu­fi­ge Bewer­tung des Bei­hilfe­cha­rak­ters der frag­li­chen Maß­nah­me anschlie­ßend in der end­gül­ti­gen Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on bestä­tigt wird, hät­ten die natio­na­len Gerich­te zum einen ihre Ver­pflich­tung aus Art. 108 Abs. 3 AEUV und Art. 3 der Ver­ord­nung Nr. 659/​1999 nicht ein­ge­hal­ten, die Durch­füh­rung jeg­li­chen Bei­hil­fe­vor­ha­bens bis zum Erlass der Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on über die Ver­ein­bar­keit die­ses Vor­ha­bens mit dem Bin­nen­markt aus­zu­set­zen [3]. Selbst wenn die Kom­mis­si­on in ihrer end­gül­ti­gen Ent­schei­dung zu dem Ergeb­nis kom­men soll­te, dass kei­ne Bei­hil­fe­ele­men­te vor­lie­gen, ver­langt zum ande­ren das Ziel der Ver­hü­tung, das dem im Ver­trag über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on geschaf­fe­nen Kon­troll­sys­tem der staat­li­chen Bei­hil­fen zugrun­de liegt, dass die Durch­füh­rung der betref­fen­den Maß­nah­me infol­ge des in der Ent­schei­dung über die Eröff­nung des förm­li­chen Prüf­ver­fah­rens auf­ge­wor­fe­nen Zwei­fels hin­sicht­lich ihres Bei­hilfe­cha­rak­ters und ihrer Ver­ein­bar­keit mit dem Bin­nen­markt auf­ge­scho­ben wird, bis die­ser Zwei­fel durch die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on besei­tigt wird [4]. Haben die natio­na­len Gerich­te hin­sicht­lich der Fra­ge, ob die in Rede ste­hen­de Maß­nah­me eine staat­li­che Bei­hil­fe im Sin­ne von Art. 107 Abs. 1 AEUV dar­stellt, oder hin­sicht­lich der Gül­tig­keit oder der Aus­le­gung der Ent­schei­dung über die Eröff­nung des förm­li­chen Prüf­ver­fah­rens Zwei­fel, kön­nen sie zum einen die Kom­mis­si­on um Erläu­te­rung bit­ten. Zum ande­ren kön­nen oder müs­sen sie gemäß Art. 267 Abs. 2 und 3 AEUV dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on eine Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­le­gen [5].

Die­se Recht­spre­chung ist auf das von der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on eröff­ne­te Vor­ver­fah­ren zu einem Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren wegen einer ihrer Ansicht nach nicht gerecht­fer­tig­ten, gemäß Art. 34 AEUV ver­bo­te­nen Beschrän­kung des inner­ge­mein­schaft­li­chen Han­dels nicht über­trag­bar. Für ver­bo­te­ne Bei­hil­fen bestimmt Art. 108 Abs. 3 Satz 3 AEUV, dass der Mit­glied­staat die Bei­hil­fe­maß­nah­me nicht durch­füh­ren darf, bevor die Kom­mis­si­on einen abschlie­ßen­den Beschluss erlas­sen hat. Hat der Mit­glied­staat die nach Art. 108 Abs. 3 Satz 1 AEUV gebo­te­ne Unter­rich­tung unter­las­sen und ohne ent­spre­chen­den Beschluss der Kom­mis­si­on Maß­nah­men vor­ge­nom­men, gilt dies eben­falls, wenn die Kom­mis­si­on die Maß­nah­me als ver­bo­te­ne Bei­hil­fe gemäß Art. 107 AEUV qua­li­fi­ziert und ein Ver­fah­ren in ent­spre­chen­der Anwen­dung von Art. 108 Abs. 3 AEUV ein­ge­lei­tet hat. Eine Art. 108 Abs. 3 AEUV ent­spre­chen­de Rege­lung für das Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren, durch das ein Mit­glied­staat ver­pflich­tet wäre, ein nach Ansicht der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on ver­trags­ver­let­zen­des Ver­hal­ten zu unter­las­sen, bis die Kom­mis­si­on abschlie­ßend über die Ein­lei­tung eines Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­rens ent­schie­den hat, ent­hält Art. 258 AEUV dage­gen nicht. Viel­mehr bin­den Ent­schei­dun­gen der Kom­mis­si­on im Rah­men eines Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­rens die natio­na­len Gerich­te nicht (vgl. zu Art. 169 EG-Ver­trag [spä­ter 226 EG-Ver­trag] EuG, Beschluss vom 29.09.1997 T83/​97, Slg. 1997 II, 1523, 1539).

Ob die Zulas­sung der Revi­si­on oder eine Aus­set­zung des Ver­fah­rens ver­an­lasst wäre, wenn die Kom­mis­si­on in dem Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren eine begrün­de­te Stel­lung­nah­me gemäß Art. 258 Abs. 1 AEUV abge­ge­ben oder gemäß Art. 258 Abs. 2 AEUV den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ange­ru­fen hät­te, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Soweit ersicht­lich, hat die Kom­mis­si­on das Vor­ver­fah­ren zu einem Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren seit dem Mahn­schrei­ben vom 20.11.2013 nicht wei­ter betrie­ben, nach­dem die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die bean­stan­de­te Rege­lung mit Schrei­ben vom 21.01.2014 ver­tei­digt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Janu­ar 2016 – I ZR 67/​14

  1. EuGH, Urteil vom 21.11.2013 – C284/​12, NJW 2013, 3771 Rn. 41 – Deut­sche Luft­han­sa AG/​Flug­ha­fen Frank­furt-Hahn GmbH; Beschluss vom 04.04.2014 – C27/​13 Flug­ha­fen Lübeck GmbH/​Air Ber­lin plc & Co. Luft­ver­kehrs KG[]
  2. EuGH, NJW 2013, 3771 Rn. 38 – Deut­sche Luft­han­sa AG/​Flughafen Frank­furt-Hahn GmbH[]
  3. EuGH, NJW 2013, 3771 Rn. 39 – Deut­sche Luft­han­sa AG/​Flughafen Frank­furt-Hahn GmbH[]
  4. EuGH, NJW 2013, 3771 Rn. 40 – Deut­sche Luft­han­sa AG/​Flughafen Frank­furt-Hahn GmbH[]
  5. EuGH, NJW 2013, 3771 Rn. 44 Deut­sche Luft­han­sa AG/​Flughafen Frank­furt-Hahn GmbH[]