EU-Bewer­ber­da­ten­bank und die EU-Amts­spra­chen

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on hat die zur Errich­tung einer Bewer­ber­da­ten­bank für Ver­trags­be­diens­te­te der euro­päi­schen Orga­ne ergan­ge­ne Auf­for­de­rung zur Inter­es­sen­be­kun­dung für nich­tig erklärt, da die Ver­öf­fent­li­chung die­ser Auf­for­de­rung [1] aus­schließ­lich in den Spra­chen Deutsch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch eine gegen Uni­ons­recht ver­sto­ßen­de Dis­kri­mi­nie­rung poten­zi­el­ler Bewer­ber auf­grund der Spra­che dar­stellt.

EU-Bewer­ber­da­ten­bank und die EU-Amts­spra­chen

Nach Uni­ons­recht sind die Amts­spra­chen und die Arbeits­spra­chen der Orga­ne der Uni­on Bul­ga­risch, Dänisch, Deutsch, Eng­lisch, Est­nisch, Fin­nisch, Fran­zö­sisch, Grie­chisch, Irisch, Ita­lie­nisch, Let­tisch, Litau­isch, Mal­te­sisch, Nie­der­län­disch, Pol­nisch, Por­tu­gie­sisch, Rumä­nisch, Schwe­disch, Slo­wa­kisch, Slo­we­nisch, Spa­nisch, Tsche­chisch und Unga­risch.

Am 27. März 2007 erschien auf der Web­site des Euro­päi­schen Amts für Per­so­nal­aus­wahl (EPSO) die Auf­for­de­rung zur Inter­es­sen­be­kun­dung (AZI), um eine Bewer­ber­da­ten­bank für Ver­trags­be­diens­te­te zu errich­ten, die für ver­schie­de­ne Tätig­kei­ten bei Gemein­schafts­or­ga­nen und ‑agen­tu­ren ein­ge­stellt wer­den kön­nen, in den Spra­chen Deutsch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch.

Ent­spre­chend die­ser AZI muss­ten die Bewer­ber über gründ­li­che Kennt­nis­se einer der Amts­spra­chen der Euro­päi­schen Uni­on als Haupt­spra­che und über aus­rei­chen­de Kennt­nis­se der eng­li­schen, der fran­zö­si­schen oder der deut­schen Spra­che als zwei­ter Spra­che ver­fü­gen, die nicht mit der Haupt­spra­che iden­tisch sein durf­te. Die Bewer­ber muss­ten die Tests in ihrer zwei­ten Spra­che able­gen (wahl­wei­se Deutsch, Eng­lisch oder Fran­zö­sisch). War ihre Haupt­spra­che eine die­ser drei Spra­chen, muss­ten die Bewer­ber eine der bei­den ande­ren Spra­chen als zwei­te Spra­che wäh­len.

Hier­ge­gen erhob Ita­li­en eine Kla­ge auf Nich­tig­erklä­rung der AZI beim Gericht der Euro­päi­schen und trug unter ande­rem vor, dass die Ver­öf­fent­li­chung der AZI auf der Web­site von EPSO aus­schließ­lich in den drei Spra­chen gegen die Grund­sät­ze der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung, der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und der Mehr­spra­chig­keit ver­sto­ße.

Eine Nich­tig­keits­kla­ge dient dazu, uni­ons­rechts­wid­ri­ge Hand­lun­gen der Uni­ons­or­ga­ne für nich­tig erklä­ren zu las­sen. Sie kann unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen von Mit­glied­staa­ten, Orga­nen der Uni­on oder Ein­zel­nen beim Gerichts­hof oder beim Gericht erho­ben wer­den. Ist die Kla­ge begrün­det, wird die Hand­lung für nich­tig erklärt. Das betref­fen­de Organ hat eine durch die Nich­tig­erklä­rung der Hand­lung etwa ent­ste­hen­de Rege­lungs­lü­cke zu schlie­ßen.

Mit sei­nem Urteil stellt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on nun fest, dass kei­ne Bestim­mung und kein Grund­satz des Uni­ons­rechts vor­schrei­ben, dass eine AZI auf der Web­site von EPSO sys­te­ma­tisch in allen Amts­spra­chen ver­öf­fent­licht wird. Denn es gibt kei­nen all­ge­mei­nen Grund­satz des Uni­ons­rechts, der jedem Bür­ger das Recht ein­räumt, dass alles, was sei­ne Inter­es­sen betref­fen könn­te, unter allen Umstän­den in sei­ner Spra­che ver­fasst wird.

Aller­dings hat die Ver­wal­tung zwar das Recht, Maß­nah­men zu erlas­sen, die ihr zur Rege­lung bestimm­ter Gesichts­punk­te einer AZI ange­mes­sen erschei­nen, die­se Maß­nah­men dür­fen jedoch nicht zu einer auf der Spra­che beru­hen­den Dis­kri­mi­nie­rung der Bewer­ber um eine bestimm­te Stel­le füh­ren.
Wenn die Ver­wal­tung also beschließt, den Text einer AZI aus­schließ­lich in bestimm­ten Spra­chen auf der Web­site von EPSO zu ver­öf­fent­li­chen, muss sie zur Ver­mei­dung einer auf der Spra­che beru­hen­den Dis­kri­mi­nie­rung der an die­ser Auf­for­de­rung poten­zi­ell inter­es­sier­ten Bewer­ber ange­mes­se­ne Maß­nah­men ergrei­fen, damit alle die­se Bewer­ber über die Exis­tenz der AZI und über die Sprach­fas­sun­gen, in denen deren voll­stän­di­ger Text ver­öf­fent­licht wur­de, infor­miert wer­den.

Im vor­lie­gen­den Fall wur­de zum einen der voll­stän­di­ge Text der AZI aus­schließ­lich in den Spra­chen Deutsch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch auf der Web­site von EPSO ver­öf­fent­licht. Zum ande­ren hat die Kom­mis­si­on weder vor­ge­se­hen, dass eine – in alle Amts­spra­chen der Uni­on über­setz­te – Ankün­di­gung mit Infor­ma­tio­nen über die Exis­tenz und den Inhalt der strei­ti­gen AZI auf ihrer Web­site ver­öf­fent­licht wur­de, noch ande­re gleich­wer­ti­ge Maß­nah­men erlas­sen. Auch wenn die Web­site der Kom­mis­si­on in allen Amts­spra­chen auf die drei­spra­chi­ge Web­site von EPSO ver­weist, ist folg­lich fest­zu­stel­len, dass ein erheb­li­ches Risi­ko besteht, dass poten­zi­ell inter­es­sier­te Bewer­ber – deren Mut­ter­spra­che weder Deutsch, Eng­lisch oder Fran­zö­sisch ist – nicht ein­mal über die Exis­tenz der AZI infor­miert wer­den.

Unter die­sen Umstän­den hat­te nicht jeder Bewer­ber die glei­che Mög­lich­keit, unab­hän­gig von der Aus­gangs­spra­che über die Exis­tenz der strei­ti­gen AZI infor­miert zu wer­den. Die­se AZI kann viel­mehr die Bewer­ber mit einer bestimm­ten Staats­an­ge­hö­rig­keit bevor­zu­gen, näm­lich die­je­ni­gen der Mit­glied­staa­ten, in denen die Spra­chen Deutsch, Eng­lisch oder Fran­zö­sisch Amts­spra­chen sind.

Aus die­sen Grün­den stellt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die Ver­öf­fent­li­chung der strei­ti­gen AZI auf der Web­site von EPSO aus­schließ­lich in den Spra­chen Deutsch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch eine gegen Uni­ons­recht ver­sto­ßen­de Dis­kri­mi­nie­rung poten­zi­el­ler Bewer­ber auf­grund der Spra­che dar­stellt.
Dem­nach erklärt das Gericht die AZI für nich­tig.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 3. Febru­ar 2011 – T‑205/​07 [Ita­lie­ni­sche Repu­blik /​Euro­päi­sche Kom­mis­si­on]

  1. EPSO/​CAST/​EU/​27/​07[]