Kata­la­ni­sche Unab­hän­gig­keits­be­we­gung und deut­sche Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt­hat eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, mit der sich die Beschwer­de­füh­rer dage­gen wand­ten, dass es die Bun­des­re­gie­rung in der Kata­lo­ni­en­kri­se seit Okto­ber 2017 unter­las­sen habe, auf eine Beschluss­fas­sung im Euro­päi­schen Rat nach Art. 7 Abs. 2 EUV hin­zu­wir­ken; die Beschwer­de­füh­rer sahen dar­in eine Ver­let­zung der Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung der Bun­des­re­gie­rung und ihres grund­rechts­glei­chen Rechts aus Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG

Kata­la­ni­sche Unab­hän­gig­keits­be­we­gung und deut­sche Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung

Ver­schie­de­ne Maß­nah­men spa­ni­scher Hoheits­trä­ger im Kon­text der Kata­lo­ni­en­kri­se 2017 ver­letz­ten die Wer­te von Art. 7 Abs. 2 EUV. Das gel­te für die Poli­zei­ein­sät­ze zur Ver­hin­de­rung des Refe­ren­dums am 1.10.2017, die Ent­mach­tung der Gene­ra­li­tat de Catalunya am 27.10.2017, das Straf­ver­fah­ren gegen ver­schie­de­ne Mit­glie­der der kata­la­ni­schen Regie­rung sowie die Ent­schei­dung des spa­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richts vom 27.01.2018.

Rechts­staat­li­che Min­dest­stan­dards sei­en hier in mehr­fa­cher Hin­sicht evi­dent und nicht ledig­lich punk­tu­ell ver­letzt wor­den. Die Vor­schlags­be­rech­tig­ten nach Art. 7 Abs. 2 EUV sei­en daher zum Tätig­wer­den ver­pflich­tet gewe­sen; Raum für Ermes­sens­er­wä­gun­gen habe nicht bestan­den. Zur Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung der Bun­des­re­gie­rung gehö­re viel­mehr auch, dass sie ihrem durch Art. 7 EUV anver­trau­ten Wäch­ter­amt gerecht wer­de. Lägen die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des Art. 7 Abs. 1 und Abs. 2 EUV vor, kön­ne sie ihrer Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung daher allein dadurch gerecht wer­den, dass sie von ihrem dort vor­ge­se­he­nen Vor­schlags­recht Gebrauch mache.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de wur­de vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men (§ 93a Abs. 2 BVerfGG), weil sie unzu­läs­sig sei; sie genü­ge offen­sicht­lich nicht den Anfor­de­run­gen der § 23 Abs. 1 Satz 2 Halb­satz 1, § 92 BVerfGG, da die Beschwer­de­füh­rer nicht dar­ge­legt hät­ten, dass sie durch das gerüg­te Unter­las­sen in ihrem Recht aus Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG ver­letzt sein könn­ten. 

So kommt eine Ver­let­zung des Rechts auf demo­kra­ti­sche Selbst­be­stim­mung aus Art. 38 Abs. 1 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 und Abs. 2 Satz 1 GG und der sich hier­aus erge­ben­den Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung der Bun­des­re­gie­rung unter dem Gesichts­punkt der Ultra-vires-Kon­trol­le nur bei hin­rei­chend qua­li­fi­zier­ten Kom­pe­tenz­über­schrei­tun­gen von Orga­nen, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Stel­len der Euro­päi­schen Uni­on in Betracht. Die­se müs­sen offen­sicht­lich und für die Kom­pe­tenz­ver­tei­lung zwi­schen der Euro­päi­schen Uni­on und den Mit­glied­staa­ten von struk­tu­rel­ler Bedeu­tung sein [1].

Soweit die Beschwer­de­füh­rer in der unter­las­se­nen Beschluss­fas­sung des Euro­päi­schen Rates nach Art. 7 Abs. 2 EUV einen Ultra-vires-Akt sehen wol­len, legen sie nicht dar, inwie­fern ein Unter­las­sen, selbst im Fal­le einer Hand­lungs­pflicht, das Prin­zip der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung (Art. 5 Abs. 1 EUV) ver­let­zen kann. Wenn Orga­ne, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­ge Stel­len der Euro­päi­schen Uni­on untä­tig blei­ben, neh­men sie typi­scher­wei­se auch kei­ne Kom­pe­ten­zen in Anspruch, die nach den Ver­trä­gen den Mit­glied­staa­ten zustün­den, und han­deln des­halb von vorn­her­ein nicht ultra vires.

Soweit die Beschwer­de­füh­rer im Unter­las­sen der Bun­des­re­gie­rung, nach Art. 7 Abs. 2 EUV tätig zu wer­den, gleich­wohl einen Ver­stoß gegen ihre Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung sehen, genü­gen ihre Dar­le­gun­gen zu einer mög­li­chen Ver­let­zung von Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen eben­falls nicht.

Die Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung ver­pflich­tet die Ver­fas­sungs­or­ga­ne, Mit­wir­kungs- und Umset­zungs­hand­lun­gen an Ultra-vires-Akten von Orga­nen, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Stel­len der Euro­päi­schen Uni­on zu unter­las­sen und aktiv auf die Ein­hal­tung des Inte­gra­ti­ons­pro­gramms hin­zu­wir­ken [2]. Nur unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen haben Bür­ge­rin­nen und Bür­ger auch einen aus Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG fol­gen­den Anspruch auf Wahr­neh­mung der Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung durch die Bun­des­re­gie­rung.

Ein Ver­stoß der Bun­des­re­gie­rung gegen uni­ons­recht­li­che Pflich­ten – deren Exis­tenz ein­mal unter­stellt – kann aber von vorn­her­ein kei­nen Ultra-vires-Akt dar­stel­len, weil es sich bei der Bun­des­re­gie­rung um ein deut­sches Ver­fas­sungs­or­gan han­delt, des­sen Kom­pe­ten­zen sich nicht aus dem in den Ver­trä­gen nie­der­ge­leg­ten Inte­gra­ti­ons­pro­gramm erge­ben.

Auch soweit die Beschwer­de­füh­rer die Ver­fas­sungs­iden­ti­tät des Grund­ge­set­zes durch das Unter­las­sen der Bun­des­re­gie­rung nach Art. 7 Abs. 2 EUV vor­zu­ge­hen, behaup­ten, genügt ihr Vor­trag nicht den (erhöh­ten) Anfor­de­run­gen an eine Iden­ti­täts­kon­trol­le [3].

Der Vor­trag erschöpft sich in blo­ßen Behaup­tun­gen und legt nicht dar, ob und inwie­weit sich aus Art. 7 Abs. 2 EUV eine Pflicht der Bun­des­re­gie­rung zum Tätig­wer­den erge­ben kann. Eben­so offen bleibt, wie die Bun­des­re­gie­rung, eine sol­che Pflicht unter­stellt, die Unter­stüt­zung von min­des­tens einem Drit­tel der Mit­glied­staa­ten für einen sol­chen Antrag erlan­gen kann und wel­ches Schutz­gut von Art. 79 Abs. 3 GG inso­weit berührt wäre. Dass selbst eine unter­stell­te Ver­let­zung des Uni­ons­rechts nicht not­wen­di­ger­wei­se auch einen Ver­stoß gegen das Grund­ge­setz bedeu­ten wür­de [4], wird nicht ein­mal ansatz­wei­se the­ma­ti­siert.

Im Übri­gen ergibt sich aus dem Vor­brin­gen der Beschwer­de­füh­rer auch nicht, wes­halb der poli­ti­sche Gestal­tungs­spiel­raum der Bun­des­re­gie­rung bei der Wahr­neh­mung ihrer Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung [5] auf einen Ver­stoß nach Art. 7 Abs. 2 EUV redu­ziert sein soll­te.

Soweit die Beschwer­de­füh­rer schließ­lich die Ver­let­zung des Rechts­staats­prin­zips rügen, stel­len sie einen Zusam­men­hang mit dem Demo­kra­tie­prin­zip des Art.20 Abs. 1 und Abs. 2 GG nicht her. Das wäre für die Zuläs­sig­keit einer Iden­ti­täts­rü­ge jedoch erfor­der­lich gewe­sen [6].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 16. Juli 2020 – 2 BvR 2211/​18

  1. vgl. BVerfGE 142, 123 <172 ff. Rn. 75 ff.> BVerfG, Beschluss vom 13.02.2020 – 2 BvR 739/​17, Rn. 96; Urteil vom 30.07.2019 – 2 BvR 1685/​14 u.a., Rn. 150 ff.; Urteil vom 05.05.2020 – 2 BvR 859/​15 u.a., Rn. 107, 110 ff.[]
  2. vgl. BVerfGE 134, 366 <395 Rn. 49> 142, 123 <209 f. Rn. 167> BVerfG, Beschluss vom 13.02.2020 – 2 BvR 739/​17, Rn. 136; Urteil vom 30.07.2019 – 2 BvR 1685/​14 u.a., Rn. 94, 141; Urteil vom 05.05.2020 – 2 BvR 859/​15 u.a., Rn. 106[]
  3. vgl. BVerfGE 140, 317 <341 f. Rn. 50>[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 13.02.2020 – 2 BvR 739/​17, Rn. 114 f.[]
  5. vgl. BVerfGE 142, 123 <210 ff. Rn. 168 ff.> BVerfG, Urteil vom 30.07.2019 – 2 BvR 1685/​14 u.a., Rn. 148; Urteil vom 05.05.2020 – 2 BvR 859/​15 u.a., Rn. 109[]
  6. vgl. BVerfGE 123, 267 <332 f.> 129, 124 <169, 177> 132, 195 <238 Rn. 104> 134, 366 <397 Rn. 53> 135, 317 <386 Rn. 125> 142, 123 <190 Rn. 126> 146, 216 <249 f. Rn. 44 ff.> BVerfG, Beschluss vom 13.02.2020 – 2 BvR 739/​17, Rn. 107[]