Ein­rei­se­ver­bot in einen ande­ren EU-Mit­glieds­staat

Einem Betrof­fe­nen ist der wesent­li­che Inhalt der Begrün­dung einer Ent­schei­dung mit­zu­tei­len, mit der ihm die Ein­rei­se in das Hoheits­ge­biet eines EU-Mit­glied­staats ver­bo­ten wird. Ein EU-Mit­glied­staat kann es aller­dings im Rah­men des unbe­dingt Erfor­der­li­chen ableh­nen, dem Betrof­fe­nen Grün­de mit­zu­tei­len, deren Offen­le­gung die Sicher­heit des Staa­tes beein­träch­ti­gen könn­te.

Ein­rei­se­ver­bot in einen ande­ren EU-Mit­glieds­staat

Die Ange­hö­ri­gen eines EU-Mit­glied­staats kön­nen in das Hoheits­ge­biet der ande­ren Mit­glied­staa­ten ein­rei­sen und sich unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen dort auf­hal­ten. Ein Mit­glied­staat kann ihnen jedoch die­ses Recht aus Grün­den der öffent­li­chen Ord­nung, Sicher­heit oder Gesund­heit ver­wei­gern.

Im Ver­ei­nig­ten König­reich kön­nen Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen, mit denen die Ein­rei­se in das natio­na­le Hoheits­ge­biet ver­bo­ten wird und die auf der Grund­la­ge von Infor­ma­tio­nen erlas­sen wur­den, deren Offen­le­gung die natio­na­le Sicher­heit beein­träch­ti­gen könn­te, bei einer Son­der­kom­mis­si­on für Rechts­be­hel­fe in Ein­wan­de­rungs­sa­chen, der „Spe­cial Immi­gra­ti­on Appeals Com­mis­si­on“ (SIAC) ange­foch­ten wer­den. Im Rah­men des Ver­fah­rens vor der SIAC haben weder die Per­son, die eine sol­che Ent­schei­dung ange­foch­ten hat, noch ihre per­sön­li­chen Rechts­an­wäl­te Zugang zu den Infor­ma­tio­nen, auf die die Ent­schei­dung gestützt wur­de, wenn ihre Offen­le­gung dem öffent­li­chen Inter­es­se wider­sprä­che. In einem der­ar­ti­gen Fall wird jedoch ein spe­zi­el­ler Anwalt, der Zugang zu die­sen Infor­ma­tio­nen hat, bestellt, um die Inter­es­sen der betrof­fe­nen Per­son vor der SIAC zu ver­tre­ten. Der spe­zi­el­le Anwalt darf indes­sen ab dem Zeit­punkt, zu dem ihm Mate­ri­al mit­ge­teilt wird, des­sen Offen­le­gung der Secreta­ry of Sta­te, die in dem Bereich zustän­di­ge bri­ti­sche Stel­le, wider­spricht, mit dem Betrof­fe­nen nicht mehr über mit dem Ver­fah­ren zusam­men­hän­gen­de Fra­gen kom­mu­ni­zie­ren. Er kann jedoch bei der SIAC Ver­fü­gun­gen bean­tra­gen, mit denen eine ent­spre­chen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on gestat­tet wird.

Der Klä­ger des vor­lie­gen­den Aus­gangs­ver­fah­rens besitzt die fran­zö­si­sche und die alge­ri­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit. Er ist seit 1990 mit einer bri­ti­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen ver­hei­ra­tet, mit der er acht Kin­der hat. Von 1990 bis 2005 war er recht­mä­ßig im Ver­ei­nig­ten König­reich wohn­haft. Nach­dem er das Ver­ei­nig­te König­reich ver­las­sen hat­te, hob der Secreta­ry of Sta­te jedoch im August 2005 sein Auf­ent­halts­recht mit der Begrün­dung auf, dass sei­ne Anwe­sen­heit dem öffent­li­chen Inter­es­se zuwi­der­lau­fe. Im Sep­tem­ber 2006 reis­te der Klä­ger in das Ver­ei­nig­te König­reich, wo der Secreta­ry of Sta­te eine Ent­schei­dung erließ, mit der ihm die Ein­rei­se ver­bo­ten wur­de.

Der Klä­ger erhob bei der SIAC eine Kla­ge gegen die Ent­schei­dung über das Ein­rei­se­ver­bot. Im Rah­men des ent­spre­chen­den Ver­fah­rens konn­te er mit sei­nen bei­den spe­zi­el­len Anwäl­ten nur über öffent­li­che Bewei­se spre­chen.

Die SIAC wies die Kla­ge ab und erließ ein „ver­trau­li­ches“ Urteil mit einer umfas­sen­den Begrün­dung und ein „öffent­li­ches“ Urteil mit einer Zusam­men­fas­sung der Begrün­dung, wobei dem Klä­ger nur das Letz­te­re über­mit­telt wur­de. Aus dem „öffent­li­chen Urteil“ geht her­vor, dass die SIAC aus Grün­den, die in dem „ver­trau­li­chen Urteil“ erläu­tert wer­den, über­zeugt ist, dass der Klä­ger an Tätig­kei­ten des Net­zes der „Bewaff­ne­ten Isla­mi­schen Grup­pe“ („Grou­pe isla­mi­que armé“, GIA) und an ter­ro­ris­ti­schen Tätig­kei­ten in den Jah­ren 1995 und 1996 betei­ligt gewe­sen sei.

Der Klä­ger leg­te dar­auf­hin gegen das Urteil der SIAC Beru­fung beim Court of Appeal (Eng­land & Wales) ein, der dar­auf­hin dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen mit der Fra­ge vor­legt, inwie­weit die SIAC ver­pflich­tet ist, dem Betrof­fe­nen die Grün­de der öffent­li­chen Sicher­heit mit­zu­tei­len, die einer Ent­schei­dung über ein Ein­rei­se­ver­bot zugrun­de lie­gen.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst dar­auf hin, dass nach der Richt­li­nie 2004/​38/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­ons­bür­ger und ihrer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, sich im Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu bewe­gen und auf­zu­hal­ten [1] eine Ent­schei­dung über ein Ein­rei­se­ver­bot dem Betrof­fe­nen schrift­lich in einer Wei­se mit­ge­teilt wer­den muss, dass er deren Inhalt und Wir­kung nach­voll­zie­hen kann. Außer­dem müs­sen dem Betrof­fe­nen die Grün­de der öffent­li­chen Ord­nung oder Sicher­heit, die der ent­spre­chen­den Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen, genau und umfas­send mit­ge­teilt wer­den, es sei denn, dass Grün­de der Sicher­heit des Staa­tes die­ser Mit­tei­lung ent­ge­gen­ste­hen.

In die­sem Zusam­men­hang prä­zi­siert der Euro­päi­sche Gerichts­hof, dass die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­tet sind, eine wirk­sa­me gericht­li­che Kon­trol­le sowohl der Begründ­etheit der Ent­schei­dung über das Ein­rei­se­ver­bot als auch der Stich­hal­tig­keit der Grün­de der Sicher­heit des Staa­tes vor­zu­se­hen, die gel­tend gemacht wer­den, um dem Betrof­fe­nen die Mit­tei­lung der Grün­de zu ver­wei­gern, auf die die ent­spre­chen­de Ent­schei­dung gestützt ist. Dem­nach muss es zum einen dem Gericht, das mit der Kon­trol­le der Recht­mä­ßig­keit der Ent­schei­dung über das Ein­rei­se­ver­bot betraut ist, mög­lich sein, von allen Grün­den und den ent­spre­chen­den Bewei­sen Kennt­nis zu neh­men, die die­ser Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen. Zum ande­ren muss ein Gericht damit betraut sein, zu über­prü­fen, ob die Grün­de im Zusam­men­hang mit der Sicher­heit des Staa­tes der Offen­le­gung die­ser Grün­de und Bewei­se ent­ge­gen­ste­hen.

Inso­weit hebt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on her­vor, dass die zustän­di­ge natio­na­le Behör­de den Nach­weis dafür zu erbrin­gen hat, dass die Sicher­heit des Staa­tes tat­säch­lich beein­träch­tigt wür­de, wenn dem Betrof­fe­nen die Grün­de genau und umfas­send mit­ge­teilt wür­den. Folg­lich gibt es kei­ne Ver­mu­tung zuguns­ten des Vor­lie­gens und der Stich­hal­tig­keit der Grün­de, die eine natio­na­le Behör­de anführt, um die Offen­le­gung die­ser Grün­de zu ver­wei­gern.

Wenn das Gericht unter die­sen Umstän­den zu dem Schluss kommt, dass die Sicher­heit des Staa­tes es nicht ver­wehrt, dass die Grün­de, die einer Ent­schei­dung über ein Ein­rei­se­ver­bot zugrun­de lie­gen, genau und umfas­send mit­ge­teilt wer­den, räumt es der zustän­di­gen natio­na­len Behör­de die Mög­lich­keit ein, dem Betrof­fe­nen die feh­len­den Grün­de und Bewei­se mit­zu­tei­len. Wenn indes­sen die­se Behör­de deren Mit­tei­lung nicht erlaubt, prüft das Gericht die Recht­mä­ßig­keit der ent­spre­chen­den Ent­schei­dung allein anhand der mit­ge­teil­ten Grün­de und Bewei­se.

Zeigt sich dage­gen, dass die Sicher­heit des Staa­tes der Mit­tei­lung der ent­spre­chen­den Grün­de an den Betrof­fe­nen tat­säch­lich ent­ge­gen­steht, hat die gericht­li­che Kon­trol­le der Recht­mä­ßig­keit der Ent­schei­dung über das Ein­rei­se­ver­bot im Rah­men eines Ver­fah­rens zu erfol­gen, das die Erfor­der­nis­se, die sich aus der Sicher­heit des Staa­tes erge­ben, und die­je­ni­gen aus dem Recht auf einen effek­ti­ven gericht­li­chen Rechts­schutz in ange­mes­se­ner Wei­se zum Aus­gleich bringt und dabei die even­tu­el­len Ein­grif­fe in die Aus­übung die­ses Rechts auf das unbe­dingt Erfor­der­li­che begrenzt.

Die­ses Ver­fah­ren muss so weit wie irgend mög­lich die Wah­rung des Grund­sat­zes des kon­tra­dik­to­ri­schen Ver­fah­rens sicher­stel­len, um es dem Betrof­fe­nen zu ermög­li­chen, die Grün­de anzu­grei­fen, auf denen die frag­li­che Ent­schei­dung beruht, und zu den ent­spre­chen­den Bewei­sen Stel­lung zu neh­men und somit sei­ne Ver­tei­di­gungs­mit­tel sach­dien­lich gel­tend zu machen. Ins­be­son­de­re muss dem Betrof­fe­nen der wesent­li­che Inhalt der Grün­de mit­ge­teilt wer­den, auf denen eine Ent­schei­dung über ein Ein­rei­se­ver­bot beruht, da der erfor­der­li­che Schutz der Sicher­heit des Staa­tes nicht zur Fol­ge haben kann, dass dem Betrof­fe­nen sein Recht dar­auf, gehört zu wer­den, vor­ent­hal­ten und damit sein Recht auf einen Rechts­be­helf wir­kungs­los wird.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on weist auch dar­auf hin, dass die Abwä­gung zwi­schen dem Recht auf effek­ti­ven gericht­li­chen Rechts­schutz und der Not­wen­dig­keit, den Schutz der Sicher­heit des frag­li­chen Staa­tes zu gewähr­leis­ten, nicht in glei­cher Wei­se für die Bewei­se gilt, die den vor dem zustän­di­gen natio­na­len Gericht gel­tend gemach­ten Grün­den zugrun­de lie­gen. In bestimm­ten Fäl­len kann näm­lich die Offen­le­gung die­ser Bewei­se die Sicher­heit des Staa­tes inso­weit unmit­tel­bar und beson­ders beein­träch­ti­gen, als sie ins­be­son­de­re das Leben, die Gesund­heit oder die Frei­heit von Per­so­nen gefähr­den könn­te oder die von den natio­na­len Sicher­heits­be­hör­den spe­zi­ell ange­wand­ten Unter­su­chungs­me­tho­den ent­hül­len und damit die zukünf­ti­ge Erfül­lung der Auf­ga­ben die­ser Behör­den ernst­haft behin­dern oder sogar unmög­lich machen könn­te.

Schließ­lich führt der Euro­päi­sche Gerichts­hof aus, dass es Sache des Gerichts des Ver­ei­nig­ten König­reichs ist, zum einen dafür zu sor­gen, dass dem Betrof­fe­nen der wesent­li­che Inhalt der Grün­de, auf denen die frag­li­che Ent­schei­dung beruht, in einer Wei­se mit­ge­teilt wird, die die erfor­der­li­che Geheim­hal­tung der Bewei­se gebüh­rend berück­sich­tigt, und zum ande­ren die Kon­se­quen­zen aus einer even­tu­el­len Miss­ach­tung die­ser Mit­tei­lungs­pflicht zu zie­hen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 4. Juni 2013 – C‑300/​11 [ZZ /​Secreta­ry of Sta­te for the Home Depart­ment]

  1. Richt­li­nie 2004/​38/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­ons­bür­ger und ihrer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, sich im Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu bewe­gen und auf­zu­hal­ten, zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/​68 und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 64/​221/​EWG, 68/​360/​EWG, 72/​194/​EWG, 73/​148/​EWG, 75/​34/​EWG, 75/​35/​EWG, 90/​364/​EWG, 90/​365/​EWG und 93/​96/​EWG, ABl. L 158, S. 77, und – Berich­ti­gung – L 229, S. 35[]