Die EU-Jus­tiz­agen­da 2020

Die EU-Jus­tiz­po­li­tik ist für die euro­päi­sche Inte­gra­ti­on immer wich­ti­ger gewor­den und ist für vie­le EU-Bür­ger greif­ba­re Rea­li­tät. Bei der Durch­set­zung der gemein­sa­men Wer­te, auf denen die Uni­on beruht, spielt sie eine wich­ti­ge Rol­le, genau wie bei der För­de­rung des Wirt­schafts­wachs­tums und der Wirk­sam­keit der übri­gen poli­ti­schen Maß­nah­men der EU. Eine gut kon­zi­pier­te EU-Jus­tiz­po­li­tik kann gewähr­leis­ten, dass die Vor­tei­le eines gemein­sa­men Euro­päi­schen Rechts­raums, der ver­trau­ens­wür­dig ist und rei­bungs­los funk­tio­niert, Ein­zel­per­so­nen und Unter­neh­men tat­säch­lich zugu­te kom­men, ins­be­son­de­re den­je­ni­gen, die von ihrem Recht auf Frei­zü­gig­keit Gebrauch machen.

Die EU-Jus­tiz­agen­da 2020

In den letz­ten 15 Jah­ren hat die EU auf der Grund­la­ge der Ver­trä­ge von Maas­tricht, Ams­ter­dam und Niz­za nach und nach einen Euro­päi­schen Rechts­raum und eine EU-Jus­tiz­po­li­tik ent­wi­ckelt. Vor 2009 waren Tätig­kei­ten in die­sem Bereich durch insti­tu­tio­nel­le Struk­tu­ren gekenn­zeich­net, die sich von denen in ande­ren Berei­chen der EU-Poli­tik unter­schie­den. Ins­be­son­de­re waren das Euro­päi­sche Par­la­ment und der Rat noch nicht gleich­be­rech­tigt, und die Prio­ri­tä­ten wur­den haupt­säch­lich vom Euro­päi­schen Rat durch die Ver­ab­schie­dung teil­wei­se äußerst detail­lier­ter Fünf­jah­res­pro­gram­me (Pro­gramm von Tam­pe­re, Haa­ger Pro­gramm und Stock­hol­mer Pro­gramm) fest­ge­setzt.

Die heu­ti­ge EU-Jus­tiz­po­li­tik hat sich infol­ge auf­ein­an­der­fol­gen­der Ände­run­gen an den EU-Ver­trä­gen an die ande­ren EU-Poli­tik­be­rei­che ange­nä­hert, ins­be­son­de­re durch Inkraft­tre­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon am 1. Dezem­ber 2009. Das Euro­päi­sche Par­la­ment und der Rat sind in den meis­ten Berei­chen der jus­ti­zi­el­len Zusam­men­ar­beit in Zivil- und Straf­sa­chen zu Mit­ge­setz­ge­bern gewor­den. Am 1. Dezem­ber 2014 endet eine letz­te Über­gangs­pha­se. Dadurch wer­den der­zeit noch bestehen­de Beschrän­kun­gen der gericht­li­chen Kon­trol­le durch den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on und der Befug­nis der Kom­mis­si­on zur Ein­lei­tung von Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren im Rah­men ihrer Rol­le als Hüte­rin der Ver­trä­ge im Bereich der jus­ti­zi­el­len Zusam­men­ar­beit in Straf­sa­chen auf­ge­ho­ben. Die Kom­mis­si­on wird wei­ter­hin dafür sor­gen, dass die EU-Rechts­vor­schrif­ten im Jus­tiz­be­reich ord­nungs­ge­mäß durch­ge­führt wer­den.

Da auch das Stock­hol­mer Pro­gramm des Euro­päi­schen Rates [1] und der damit ver­bun­de­ne Akti­ons­plan der Kom­mis­si­on [2] Ende 2014 aus­lau­fen, war es für die Euroopäi­sche Kom­mis­si­on nun an der Zeit, eine Bilanz der Fort­schrit­te zu zie­hen und die wich­tigs­ten anste­hen­den Her­aus­for­de­run­gen zu iden­ti­fi­zie­ren. Dies ist nun der EU-Jus­tiz­agen­da 2020 gesche­hen.

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Grund­la­gen für einen Euro­päi­schen Rechts­raum

Die EU hat Maß­nah­men getrof­fen, um die Grund­la­ge für „einen Raum der Frei­heit, der Sicher­heit und des Rechts ohne Bin­nen­gren­zen“ zu schaf­fen. Seit Inkraft­tre­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon wur­den als Ergeb­nis der engen Zusam­men­ar­beit mit dem Euro­päi­schen Par­la­ment und dem Rat wesent­li­che Fort­schrit­te in Bezug auf einen bes­ser funk­tio­nie­ren­den gemein­sa­men Euro­päi­schen Rechts­raum erzielt.

  • Stär­kung des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens

    Die EU-Jus­tiz­po­li­tik ziel­te auf die Ent­wick­lung eines auf gegen­sei­ti­ger Aner­ken­nung und gegen­sei­ti­gem Ver­trau­en beru­hen­den Euro­päi­schen Rechts­raums ab, was durch einen Brü­cken­schlag zwi­schen den ver­schie­de­nen Jus­tiz­sys­te­men der Mit­glied­staa­ten erreicht wer­den soll. Die­ses Ziel setzt die Schaf­fung von geeig­ne­ten Rechts­ga­ran­tien vor­aus, damit die betref­fen­den Brü­cken zwi­schen den Rechts­sys­te­men der Mit­glied­staa­ten soli­de struk­tu­riert sind. Im Bereich der Jus­tiz in Straf­sa­chen wur­de das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en der Mit­glied­staa­ten gestärkt, indem durch gemein­sa­me, EU-weit gel­ten­de Min­dest­stan­dards schritt­wei­se in der gesam­ten EU eine Rei­he von Rech­ten für fai­re Ver­fah­ren zum Schutz von Per­so­nen ein­ge­führt wur­den, die einer Straf­tat ver­däch­tigt oder ange­klagt wer­den. Die Situa­ti­on der Opfer wäh­rend des gesam­ten Straf­pro­zes­ses wur­de eben­falls ver­bes­sert, indem Min­dest­rech­te, Unter­stüt­zung, Bera­tung und Schutz für die Opfer und ihre nächs­ten Ange­hö­ri­gen vor­ge­se­hen wur­den.

  • Der Bei­trag der Jus­tiz zum Wirt­schafts­wachs­tum

    In den letz­ten Jah­ren hat sich die EU-Jus­tiz­po­li­tik ins­be­son­de­re auf­grund der Finanz- und Staats­schul­den­kri­se und im Ein­klang mit der Stra­te­gie „Euro­pa 2020“ auch zu einem Instru­ment zur Unter­stüt­zung des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs, des Wachs­tums und der Struk­tur­re­for­men ent­wi­ckelt. Die EU hat Maß­nah­men getrof­fen, um bei Unter­neh­men und Ver­brau­chern nach und nach das not­wen­di­ge Ver­trau­en auf­zu­bau­en, damit der Bin­nen­markt zu ihren Guns­ten wirk­lich wie der hei­mi­sche Markt funk­tio­niert. Büro­kra­ti­sche Hin­der­nis­se und Kos­ten wur­den abge­baut; ein Urteil, das in einem Mit­glied­staat ergeht, kann nun­mehr in einem ande­ren Mit­glied­staat ohne wei­te­re Zwi­schen­ver­fah­ren aner­kannt und voll­zo­gen wer­den (die For­ma­li­tät des „Exe­qua­tur“ wur­de nach und nach sowohl in zivil- als auch in han­dels­recht­li­chen Ver­fah­ren abge­schafft). Was den Daten­schutz betrifft, so befin­den sich die Ver­hand­lun­gen zwi­schen dem Euro­päi­schen Par­la­ment und dem Rat über eine neue euro­pa­wei­te Ver­ord­nung, mit der die gel­ten­den 28 natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten, die den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten der­zeit regeln, durch eine ein­heit­li­che Rege­lung ersetzt wer­den sol­len, bereits in einem fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­um. Mit der Richt­li­nie über Ver­brau­cher­rech­te, die ab Juni 2014 in allen 28 EU-Mit­glied­staa­ten voll­um­fäng­lich gel­ten wird, wer­den Ver­brau­cher bes­ser geschützt und Unter­neh­men wer­den von einer Rei­he ein­heit­li­cher Grund­satz­be­stim­mun­gen pro­fi­tie­ren, mit denen die Kos­ten der Regel­treue für EU-weit akti­ve Händ­ler erheb­lich gesenkt wer­den. Als ein ers­ter Schritt in Rich­tung einer EU-„Rettungs- und Sanie­rungs­kul­tur“ zuguns­ten von Ein­zel­per­so­nen und Unter­neh­men, die sich in finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten befin­den, wer­den die bestehen­den euro­päi­schen Vor­schrif­ten bezüg­lich grenz­über­schrei­ten­der Insol­venz­ver­fah­ren geän­dert.

    Die Ver­bes­se­rung der Unab­hän­gig­keit, Qua­li­tät und Leis­tungs­fä­hig­keit der natio­na­len Jus­tiz­sys­te­me ist Teil der Pro­gram­me zur wirt­schaft­li­chen Anpas­sung und des Euro­päi­schen Semes­ters. Das EU-Jus­tiz­ba­ro­me­ter unter­stützt die Mit­glied­staa­ten und EU-Orga­ne dadurch, dass es objek­ti­ve, zuver­läs­si­ge und ver­gleich­ba­re Daten zur Leis­tungs­fä­hig­keit der natio­na­len Jus­tiz­sys­te­me zur Ver­fü­gung stellt.

    Die EU-Orga­ne haben zudem Maß­nah­men ergrif­fen, um die finan­zi­el­len Inter­es­sen der EU und die Gel­der der Steu­er­zah­ler bes­ser vor Betrug zu schüt­zen. Dazu zählt ins­be­son­de­re der Vor­schlag der Kom­mis­si­on zur Ein­rich­tung einer Euro­päi­schen Staats­an­walt­schaft, mit dem eine Stel­le geschaf­fen wer­den soll, die gewähr­leis­tet, dass Straf­ta­ten zu Scha­den des EU-Haus­halts wirk­sam ver­folgt und geahn­det, die Täter vor Gericht gebracht und die Gel­der wie­der­ein­ge­zo­gen wer­den.

  • Ver­ein­fa­chung der Jus­tiz

    Die EU hat Maß­nah­men getrof­fen, die gewähr­leis­ten sol­len, dass die Bür­ger ihr Recht, in einen ande­ren Mit­glied­staat zu rei­sen, dort Waren und Dienst­leis­tun­gen zu erwer­ben oder auch dort zu woh­nen, voll­um­fäng­lich aus­üben kön­nen. Die Bür­ger sol­len ihr gan­zes Leben lang in den Genuss der EU-Staats­bür­ger­schaft kom­men und sich über­all in der EU zu Hau­se füh­len. Dazu wur­den bei­spiels­wei­se die Ver­fah­ren bei grenz­über­schrei­ten­den Erb­schaf­ten und Ehe­schei­dun­gen ver­ein­facht, und die Büro­kra­tie­kos­ten in den Mit­glied­staa­ten wur­den durch die Abschaf­fung über­hol­ter For­ma­li­tä­ten wie etwa der Beglau­bi­gung von Urkun­den oder Über­set­zun­gen im Rechts­ver­kehr zwi­schen den Mit­glied­staa­ten gesenkt.

  • Schutz der Grund­rech­te

    Als Hüte­rin der Ver­trä­ge hat die Kom­mis­si­on Maß­nah­men ergrif­fen, um die Ach­tung der EU-Grund­rech­te­char­ta („Char­ta“) sicher­zu­stel­len, ein­schließ­lich der Ach­tung der EU-Bür­ger­rech­te und des Rechts­staats­prin­zips. Die recht­lich ver­bind­li­che Char­ta ist zu einer Richt­schnur für alle EU-Orga­ne gewor­den. Die Kom­mis­si­on ist außer­dem tätig gewor­den, um die Ach­tung der spe­zi­ell in den EU-Rechts­vor­schrif­ten nie­der­ge­leg­ten Rech­te zu gewähr­leis­ten; dies gilt ins­be­son­de­re für das Recht auf Gleich­be­rech­ti­gung, den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten und den Ver­brau­cher­schutz. Dabei wur­den auch Maß­nah­men zur Stär­kung der Gleich­be­rech­ti­gung durch die För­de­rung von Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen ergrif­fen.

Stär­kung von Ver­trau­en, Mobi­li­tät und Wachs­tum in der Euro­päi­schen Uni­on

Obwohl greif­ba­re Fort­schrit­te in Rich­tung eines gemein­sa­men Euro­päi­schen Rechts­raums ohne Ein­schrän­kun­gen erzielt wer­den konn­ten, besteht auch nach dem Ende des Über­gangs­zeit­raums am 1. Dezem­ber 2014 noch Hand­lungs­be­darf.

  • Ver­trau­en

    Gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en ist der Grund­stein, auf dem die EU-Jus­tiz­po­li­tik auf­bau­en soll. Zwar hat die EU das Fun­da­ment für die För­de­rung des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens gelegt, es muss jedoch noch wei­ter gestärkt wer­den, damit Bür­ger, Anwäl­te und Rich­ter gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen auch dann voll ver­trau­en, wenn sie in einem ande­ren Mit­glied­staat ergan­gen sind. EU-Instru­men­te wie der Euro­päi­sche Haft­be­fehl oder kol­li­si­ons­recht­li­che Ver­ord­nun­gen erfor­dern ein hohes Maß gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens der Jus­tiz­be­hör­den der unter­schied­li­chen Mit­glied­staa­ten. Herrscht gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en zwi­schen Gerich­ten und Ver­wal­tungs­be­hör­den, so fällt es ihnen leich­ter, die Ent­schei­dun­gen der ande­ren Ein­rich­tun­gen anzu­er­ken­nen und durch­zu­set­zen; damit wird der Zugang zur Jus­tiz zu glei­chen Bedin­gun­gen in allen Mit­glied­staa­ten erleich­tert. Vor­aus­set­zung für gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en sind Unab­hän­gig­keit, Qua­li­tät und Leis­tungs­fä­hig­keit der Jus­tiz­sys­te­me [3] und die Ach­tung des Rechts­staats­prin­zips [4]. Wich­tig dabei ist, dass Fort­schrit­te in der Recht­set­zung auch in der Pra­xis sicht­bar wer­den. Dazu müs­sen die bereits auf EU-Ebe­ne ver­ein­bar­ten Rechts­vor­schrif­ten umge­setzt und wirk­sam ange­wen­det wer­den. Auch müs­sen wirk­sa­me Durch­set­zungs­in­stru­men­te auf natio­na­ler Ebe­ne zur Ver­fü­gung ste­hen, damit ein bes­se­rer Zugang zur Jus­tiz in allen Mit­glied­staa­ten garan­tiert ist.

  • Mobi­li­tät

    Die Bür­ger der EU neh­men die ihnen aus den EU-Ver­trä­gen erwach­sen­den Rech­te immer häu­fi­ger wahr. Der­zeit woh­nen 13,7 Mio. EU-Bür­ger in einem Mit­glied­staat, des­sen Staats­bür­ger­schaft sie nicht besit­zen (2009 waren es nur 12,1 Mio.). Immer häu­fi­ger rei­sen, stu­die­ren, wäh­len, arbei­ten, hei­ra­ten oder ster­ben EU-Bür­ger in einem ande­ren Mit­glied­staat als in dem, in dem sie gebo­ren wur­den, oder sie neh­men dort Gesund­heits­leis­tun­gen in Anspruch, bekom­men Kin­der, erwer­ben Grund­be­sitz oder las­sen sich schei­den. Auch ohne ihren Hei­mat­staat zu ver­las­sen erwer­ben Ver­brau­cher Waren und Dienst­leis­tun­gen über die Gren­zen hin­weg, z. B. online. Trotz der Fort­schrit­te bezüg­lich der Aus­übung ihrer Rech­te tref­fen EU-Bür­ger immer noch auf eini­ge Hin­der­nis­se. Sie haben immer noch prak­ti­sche oder recht­li­che Pro­ble­me, wenn sie in einem ande­ren Mit­glied­staat als ihrem eige­nen die glei­chen Rech­te genie­ßen wol­len. Die EU muss ent­schlos­sen auf eine Aus­räu­mung die­ser Hin­der­nis­se hin­ar­bei­ten, dabei aber gleich­zei­tig wei­ter­hin die Bekämp­fung von Miss­brauch unter­stüt­zen, ins­be­son­de­re weil die Frei­zü­gig­keit der EU-Bür­ger der­zeit man­cher­orts in Fra­ge gestellt wird. Das Recht der EU-Bür­ger, pro­blem­los in ein ande­res EU-Land zu rei­sen und sich dort auf­zu­hal­ten, ist eine der vier im EU-Recht ver­an­ker­ten Grund­frei­hei­ten und ist Dreh- und Angel­punkt der euro­päi­schen Inte­gra­ti­on. Die Tat­sa­che, dass die digi­ta­le Online-Welt kei­ne Gren­zen kennt, ist ein wei­te­rer Ansporn für die EU, sich mit dem Zusam­men­spiel der ver­schie­de­nen mate­ri­el­len Rechts­vor­schrif­ten zu befas­sen.

  • Wachs­tum

    Die EU-Jus­tiz­po­li­tik soll auch wei­ter­hin den wirt­schaft­li­chen Auf­schwung, das Wachs­tum und den Kampf gegen die Arbeits­lo­sig­keit unter­stüt­zen. Es müs­sen Struk­tur­re­for­men durch­ge­führt wer­den, damit gewähr­leis­tet ist, dass die Jus­tiz­sys­te­me in der Lage sind, schnell, zuver­läs­sig und in ver­trau­ens­wür­di­ger Wei­se Recht zu spre­chen, womit die Län­ge von Gerichts­pro­zes­sen erheb­lich ver­rin­gert und so die Wirk­sam­keit ande­rer poli­ti­scher Maß­nah­men ver­stärkt wür­de. Unter­neh­men und Ver­brau­cher müs­sen dar­auf ver­trau­en kön­nen, dass sie ihre Rech­te aus Ver­trä­gen in der gan­zen EU tat­säch­lich durch­set­zen und Strei­tig­kei­ten vor Gericht – oder, falls mög­lich, außer­ge­richt­lich – regeln kön­nen, und zwar inner­halb eines ver­tret­ba­ren Zeit­raums und ohne dabei auf all jene Hin­der­nis­se zu tref­fen, die sich ihnen heu­te noch in den Weg stel­len. Auch Wachs­tum in der digi­ta­len Wirt­schaft erfor­dert Ver­trau­en sei­tens der Bür­ger; der­zeit aber berei­tet ihnen die groß­an­ge­leg­te Ver­ar­bei­tung und Über­wa­chung ihrer per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten bei der Nut­zung von Online-Diens­ten gro­ße Sor­gen.

Die zukün­fi­gen Schwer­punk­te: Kon­so­li­die­rung, Kodi­fi­zie­rung und Ergän­zung

Um den Her­aus­for­de­run­gen zu begeg­nen, die in Bezug auf die Schaf­fung eines voll funk­ti­ons­tüch­ti­gen Euro­päi­schen Rechts­raums fest­ge­stellt wur­den, soll der Schwer­punkt der EU-Jus­tiz­po­li­tik in den kom­men­den Jah­ren dar­auf lie­gen, die bis­he­ri­gen Errun­gen­schaf­ten zu kon­so­li­die­ren und, sofern erfor­der­lich bzw. ange­zeigt, EU-Recht und die Pra­xis zu kodi­fi­zie­ren sowie den bestehen­den Rechts­rah­men durch neue Initia­ti­ven zu ergän­zen. Je nach Art der Her­aus­for­de­rung soll die zukünf­ti­ge EU-Jus­tiz­po­li­tik auf der Grund­la­ge von Ein­zel­fall­ana­ly­sen und Fol­gen­ab­schät­zun­gen jeweils eine Kom­bi­na­ti­on die­ser Metho­den nut­zen.

Bei der Anwen­dung die­ser Metho­den soll die EU der Tat­sa­che, dass die Unter­schied­lich­keit der Rechts­sys­te­me und ‑tra­di­tio­nen in der EU erhal­ten blei­ben muss, in vol­lem Umfang Rech­nung tra­gen; Sub­si­dia­ri­tät und Pro­por­tio­na­li­tät sind eben­so zu ach­ten wie die EU-Grund­rech­te­char­ta, auf der alle EU-Maß­nah­men, ins­be­son­de­re im Bereich der Jus­tiz­po­li­tik, beru­hen müs­sen.

Kon­so­li­die­rung des Euro­päi­schen Rechts

Beim Vor­an­trei­ben der EU-Jus­tiz­agen­da soll die EU zual­ler­erst die bis­he­ri­gen Errun­gen­schaf­ten kon­so­li­die­ren und sicher­stel­len, dass die Grund­rech­te geach­tet und die im EU-Recht ver­an­ker­ten Rech­te ver­wirk­licht wer­den. Auf EU-Ebe­ne ver­ein­bar­te Instru­men­te müs­sen von den Mit­glied­staa­ten umge­setzt, wirk­sam durch­ge­führt und ein­ge­setzt wer­den. Bei Miss­ach­tung die­ser Rech­te sol­len wirk­sa­me Rechts­be­hel­fe zur Ver­fü­gung ste­hen.

Kon­so­li­die­rung: Auf­recht­erhal­tung der Grund­rech­te

Die EU soll sich wei­ter­hin bemü­hen, in ihrer Anwen­dung der Char­ta vor­bild­lich zu blei­ben. Dazu müs­sen alle EU-Orga­ne und die Mit­glied­staa­ten bei der Umset­zung des EU-Rechts Maß­nah­men zur För­de­rung der wirk­sa­men Anwen­dung der Char­ta und des Sekun­där­rechts zum Schutz bestimm­ter Rech­te tref­fen; zu den­ken ist dabei etwa an das Recht auf Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten, an die Geschlech­ter­gleich­heit, die Bür­ger­rech­te, das Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren oder die Rech­te von Kin­dern. Ein wirk­sa­mer Schutz die­ser Rech­te in der gesam­ten EU ist uner­läss­lich, damit die Bür­ger dar­auf ver­trau­en, dass der Euro­päi­sche Rechts­raum kor­rekt funk­tio­niert. Dazu gehö­ren auch die Rech­te der Ange­hö­ri­gen von Min­der­hei­ten oder die beson­ders schutz­be­dürf­ti­ger Per­so­nen wie Kin­der, Opfer von Straf­ta­ten und Men­schen mit Behin­de­run­gen. Dar­über hin­aus soll der gemein­sa­me Kampf gegen frem­den­feind­li­che und ras­sis­ti­sche Hass­re­den und Straf­ta­ten in der EU wei­ter­hin ent­schlos­sen fort­ge­setzt wer­den. Rat und Fach­wis­sen der EU-Agen­tur für Grund­rech­te sind für die Ent­wick­lung der EU-Poli­tik von gro­ßer Bedeu­tung, auch in Straf­sa­chen.

Die EU soll außer­dem wei­ter­hin dar­an arbei­ten, die Gleich­be­rech­ti­gung von Män­nern und Frau­en in Bezug auf Ent­gelt, Ren­ten und die Teil­nah­me am Arbeits­markt – auch in Spit­zen­po­si­tio­nen – sicher­zu­stel­len. Damit soll gewähr­leis­tet wer­den, dass Euro­pa alle ver­füg­ba­ren Talen­te in vol­lem Umfang nutzt.

Kon­so­li­die­rung: Gewähr­leis­tung wirk­sa­mer Rechts­be­hel­fe

Ohne wirk­sa­me Rechts­be­hel­fe gibt es kei­ne Rech­te. Die EU soll ihre Anstren­gun­gen zur Gewähr­leis­tung des Rechts auf einen wirk­sa­men Rechts­be­helf vor einem Gericht bei Ver­let­zung des EU-Rechts (Arti­kel 47 der Char­ta) fort­füh­ren; dies betrifft auch Fäl­le, in denen die natio­na­len Ver­fah­ren es den Bür­gern sehr schwer machen, die ihnen gemäß EU-Recht zuste­hen­den Rech­te in grenz­über­schrei­ten­den Ange­le­gen­hei­ten ein­zu­for­dern.

Um die schnel­le Bei­le­gung von Strei­tig­kei­ten wei­ter zu erleich­tern, sol­len die Mit­glied­staa­ten die Nut­zung ande­rer Arten von in der EU ent­wi­ckel­ten außer­ge­richt­li­chen Streit­bei­le­gungs­ver­fah­ren und Rechts­be­helfs­me­cha­nis­men för­dern, die eine rasche, effi­zi­en­te und kos­ten­güns­ti­ge­re Bei­le­gung von Strei­tig­kei­ten erlau­ben könn­ten. Zu die­sen Mecha­nis­men und Instru­men­ten gehö­ren bei­spiels­wei­se Schlich­tung, alter­na­ti­ve Streit­be­le­gung, Online-Streit­bei­le­gung, SOLVIT, das euro­päi­sche Ver­fah­ren für gering­fü­gi­ge For­de­run­gen und der jüngst ver­ein­bar­te Euro­päi­sche Beschluss zur vor­läu­fi­gen Kon­ten­pfän­dung.

Ver­wal­tungs­be­hörd­li­che Über­prü­fun­gen, die Arbeit der natio­na­len Durch­set­zungs­be­hör­den und Ver­fah­ren vor Gleich­stel­lungs­stel­len kön­nen eben­falls eine Rol­le spie­len. Für die Wirk­sam­keit bestimm­ter EU-Rech­te wie des Frei­zü­gig­keits­rechts und des Rechts auf Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten ist eine enge Zusam­men­ar­beit zwi­schen den natio­na­len Behör­den bzw. den Ver­wal­tungs­stel­len beson­ders wich­tig. Um EU-wei­ten Ver­stö­ßen gegen das Ver­brau­cher­schutz­recht bes­ser ent­ge­gen­tre­ten zu kön­nen, muss die Zusam­men­ar­beit der natio­na­len Durch­set­zungs­be­hör­den gestärkt wer­den. Die Unab­hän­gig­keit der Durch­set­zungs­be­hör­den muss in den Fäl­len, in denen sie dem EU-Recht nach erfor­der­lich ist – wie im Fall der Daten­schutz­be­hör­den –, gewähr­leis­tet sein.

Auch gut funk­tio­nie­ren­de Ver­wal­tungs­ge­rich­te sind uner­läss­lich für die Wirk­sam­keit des EU-Rechts.

Kon­so­li­die­rung: Fort­bil­dung von Rich­tern und Staats­an­wäl­ten

Das EU-Recht hat so gro­ße Aus­wir­kun­gen auf das täg­li­che Leben der Bür­ger und Unter­neh­men in der EU, dass jeder Ange­hö­ri­ge der natio­na­len Rechts­be­ru­fe – von Anwäl­ten und Gerichts­voll­zie­hern einer­seits bis hin zu Rich­tern und Staats­an­wäl­ten ande­rer­seits – auch über Kennt­nis­se des EU-Rechts ver­fü­gen und in der Lage sein muss, neben sei­nem natio­na­len Recht auch das EU-Recht aus­zu­le­gen und wirk­sam durch­zu­set­zen. Im dezen­tra­li­sier­ten Rechts­sys­tem der Uni­on müs­sen natio­na­le Rich­ter oft zu „Uni­ons­rechts­rich­tern“ wer­den, um ihre Auf­ga­be zu erfül­len.

Die Fort­bil­dung der Ange­hö­ri­gen der Rechts­be­ru­fe auf dem Gebiet des EU-Rechts ist daher von größ­ter Bedeu­tung, damit das EU-Recht ord­nungs­ge­mäß durch­ge­führt und ange­wen­det sowie gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en in die Jus­tiz­sys­te­me auf­ge­baut wird, so dass die Ange­hö­ri­gen der Rechts­be­ru­fe ein­an­der auch über die Gren­zen hin­weg ver­trau­en und zusam­men­ar­bei­ten kön­nen.

In den Jah­ren 2011 und 2012 haben über 130 000 Ange­hö­ri­ge der Rechts­be­ru­fe eine Fort­bil­dung im EU-Recht erhal­ten. Das ent­spricht einem Vier­tel aller Rich­ter und Staats­an­wäl­te in der EU. Nun­mehr ist es an der Zeit, die Fort­bil­dung einen Schritt wei­ter zu trei­ben und auch Gerichts­be­diens­te­te und Ange­hö­ri­ge der Rechts­be­ru­fe schon von Anfang an mit dem EU-Recht ver­traut zu machen. Die Erfah­run­gen im Rah­men des Euro­päi­schen Net­zes für die Aus- und Fort­bil­dung von Rich­tern und Staats­an­wäl­ten sol­len kon­so­li­diert und aus­ge­wei­tet wer­den, so dass alle neu­en Rich­ter und Staats­an­wäl­te davon erfasst wer­den. Auch Mög­lich­kei­ten des e‑Learning sol­len so weit wie mög­lich aus­ge­nutzt wer­den.

Die EU soll die bestehen­den Netz­wer­ke voll aus­nut­zen, um die Fort­bil­dung der Ange­hö­ri­gen der Rechts­be­ru­fe zu erleich­tern; Ziel ist es, bis 2020 50 % von ihnen, also ins­ge­samt 700 000 Ange­hö­ri­gen der Rechts­be­ru­fe, eine Fort­bil­dung im EU-Recht zuteil­wer­den zu las­sen. Die Kom­mis­si­on ist bereit, die Bemü­hun­gen zu unter­stüt­zen: das Pro­gramm „Jus­tiz“ für den Zeit­raum 2014–2020 zeigt deut­lich, wel­che Bedeu­tung sie der Fort­bil­dung bei­misst. 35 % der ins­ge­samt 378 Mio. EUR, die für das Pro­gramm vor­ge­se­he­nen sind, wer­den zur Unter­stüt­zung hoch­wer­ti­ger Fort­bil­dungs­maß­nah­men für alle Ange­hö­ri­gen der Rechts­be­ru­fe ver­wen­det, in deren Rah­men vor­bild­li­che Ver­fah­ren zu The­men wie Stu­di­en­plä­ne und inter­ak­ti­ve Fort­bil­dungs­me­tho­den aus­ge­tauscht wer­den sol­len.

Kon­so­li­die­rung: Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien (eJus­tiz)

Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien erleich­tern Bür­gern und Unter­neh­men den Zugang zur Jus­tiz (e‑Justiz). Das Euro­päi­sche Justizportal1 oder ande­re ein­schlä­gi­ge Por­ta­le zur Infor­ma­ti­on der Bür­ger und Unter­neh­men über ihre Rech­te wie „Ihr Euro­pa“ sol­len zu ope­ra­ti­ven Instru­men­ten wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den, die den Zugang zur Jus­tiz erleich­tern und durch die büro­kra­ti­sche Hin­der­nis­se und unnö­ti­ge Ver­fah­ren in den Mit­glied­staa­ten abge­baut wer­den, ins­be­son­de­re bei zivil-und han­dels­recht­li­chen Ver­fah­ren. Das Euro­päi­sche Jus­tiz­por­tal kann auch die grenz­über­schrei­ten­de Zusam­men­ar­beit erleich­tern, indem dort den Bür­gern und Ange­hö­ri­gen der Rechts­be­ru­fe z. B. Vor­la­gen und For­mu­la­re in allen Amts­spra­chen der EU zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Mit einer Ver­net­zung natio­na­ler Regis­ter auf EU-Ebe­ne soll dafür gesorgt wer­den, dass Ange­hö­ri­ge der Rechts­be­ru­fe, Bür­ger und Unter­neh­men Zugang zu den von ihnen benö­tig­ten Infor­ma­tio­nen aus ande­ren Mit­glied­staa­ten erhal­ten. Zu die­sen Regis­tern zäh­len Unter­neh­mens­re­gis­ter, Grund­bü­cher und Insol­venz­re­gis­ter sowie Nach­lass­re­gis­ter.

Die Vor­tei­le der E‑Jus­tiz-Instru­men­te sind nicht auf grenz­über­grei­fen­de Zusam­men­hän­ge beschränkt. Direk­te elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Bür­gern, Ange­hö­ri­gen der Rechts­be­ru­fe, Unter­neh­men und Gerich­ten ist im Euro­päi­schen Rechts­raum bereits Rea­li­tät, und die EU soll Initia­ti­ven in die­sem Bereich unter­stüt­zen. Vor dem Hin­ter­grund der lau­fen­den Struk­tur­re­for­men und der Bemü­hun­gen um eine moder­ne öffent­li­che Ver­wal­tung ist die Digi­ta­li­sie­rung der natio­na­len Jus­tiz­sys­te­me ein Schlüs­sel­instru­ment für die Gewähr­leis­tung leis­tungs­fä­hi­ger natio­na­ler Jus­tiz­sys­te­me.

Die EU soll die Ver­wen­dung elek­tro­ni­scher Instru­men­te för­dern, da die­se den Bür­gern, Unter­neh­men, Ange­hö­ri­gen der Rechts­be­ru­fe und Gerich­ten ech­te Vor­tei­le brin­gen kön­nen, auch in Bezug auf den Zugang zur Recht­spre­chung der Gerich­te in ande­ren Mit­glied­staa­ten.

Kon­so­li­die­rung: Ope­ra­ti­ve Zusam­men­ar­beit

Die Ange­hö­ri­gen der Rechts­be­ru­fe in Euro­pa müs­sen zusam­men­ar­bei­ten, um Infor­ma­tio­nen rasch und sicher aus­tau­schen zu kön­nen und Unter­stüt­zung von ihren Kol­le­gen in ande­ren Mit­glied­staa­ten zu erhal­ten. Eine Ver­bes­se­rung der ope­ra­ti­ven Zusam­men­ar­beit aller betei­lig­ten Akteu­re ist von äußers­ter Bedeu­tung, ins­be­son­de­re um gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en zu schaf­fen.

Bestehen­de Mecha­nis­men und Netz­wer­ke in Zivil- und Straf­sa­chen wie die Euro­päi­schen Jus­ti­zi­el­len Net­ze sol­len gestärkt und ihr Poten­zi­al voll aus­ge­schöpft wer­den, auch online.

Euro­just muss sei­ne Rol­le voll aus­fül­len, wobei ihm die aktu­el­le Reform zugu­te­kom­men dürf­te, und wird auch nach der Errich­tung der Euro­päi­schen Staats­an­walt­schaft, die ihre Akti­vi­tä­ten zumin­dest anfangs auf die Bekämp­fung von Betrug zulas­ten der finan­zi­el­len Inter­es­sen der Uni­on kon­zen­trie­ren wird, eine wich­ti­ge EU-Stel­le für die Koor­di­nie­rung der Straf­ver­fol­gung blei­ben. Bei ande­ren grenz­über­schrei­ten­den Straf­ta­ten wird Euro­just eine Schlüs­sel­rol­le zukom­men, wes­we­gen sei­ne Wirk­sam­keit noch wei­ter gestärkt wer­den muss. In die­sem Zusam­men­hang soll das Poten­zi­al gemein­sa­mer Ermitt­lungs­teams best­mög­lich aus­ge­nutzt wer­den.

Kodi­fi­zie­rung des Euro­päi­schen Rechts

Eine Kodi­fi­zie­rung exis­tie­ren­der Geset­ze und Pra­xis kann die Kennt­nis, das Ver­ständ­nis und die Anwen­dung von Rechts­vor­schrif­ten, das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en sowie die Kohä­renz und Rechts­si­cher­heit erhö­hen und zu einer Ver­ein­fa­chung und dem Abbau büro­kra­ti­scher Hin­der­nis­se bei­tra­gen. Was die Kohä­renz der Rechts­vor­schrif­ten und Klar­heit für Bür­ger und ande­re „Nut­zer“ des Rechts all­ge­mein angeht, so kann eine Kodi­fi­zie­rung bestimm­ter Tei­le der EU-Rechts­vor­schrif­ten im Zusam­men­hang mit der Jus­tiz oder der ein­schlä­gi­gen Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on auf die­sem Gebiet in einer Rei­he von Fäl­len nütz­lich sein.

  • Zivil­recht und Han­dels­recht

    Seit dem Jahr 2000 hat die EU eine erheb­li­che Anzahl an Vor­schrif­ten im Bereich des Zivil- und Han­dels­rechts und des Kol­li­si­ons­rechts erlas­sen. Die EU soll prü­fen, ob eine Kodi­fi­zie­rung der exis­tie­ren­den Rechts­in­stru­men­te ins­be­son­de­re für den Bereich des Kol­li­si­ons­rechts nütz­lich sein könn­te.

  • Ver­brau­cher­rech­te

    Nach einer Bewer­tung, wie die Richt­li­nie über Ver­brau­cher­rech­te und die damit zusam­men­hän­gen­den Rechts­vor­schrif­ten all­ge­mein funk­tio­nie­ren, sol­len Kodi­fi­zie­rungs­in­itia­ti­ven auf der Grund­la­ge des gel­ten­den Rechts ange­dacht und bewer­tet wer­den. Ziel soll es sein, die Ver­brau­cher für ihre Rech­te zu sen­si­bi­li­sie­ren, die sich zum Teil über­schnei­den­den Richt­li­ni­en zu ver­ein­fa­chen und die Unter­neh­men dabei zu unter­stüt­zen, die glei­chen Bestim­mun­gen auf unter­schied­li­che Zusam­men­hän­ge anzu­wen­den.

  • Straf­recht

    Die EU-Rechts­vor­schrif­ten zu den Ver­fah­rens­rech­ten in Straf­sa­chen fin­den sich der­zeit in einer erheb­li­chen Anzahl unter­schied­li­cher Rechts­in­stru­men­te, die in den letz­ten Jah­ren nach und nach ent­wi­ckelt und ver­ab­schie­det wur­den. Es könn­te unter­sucht wer­den, ob die Not­wen­dig­keit besteht, die Ver­fah­rens­rech­te im Straf­pro­zess in einem ein­zi­gen Instru­ment zu kodi­fi­zie­ren, um die Aus­gangs­be­din­gun­gen wei­ter anzu­glei­chen und die Kohä­renz des Schut­zes Beschul­dig­ter wei­ter zu ver­bes­sern.

  • Und eigent­lich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit: Zur För­de­rung von Ver­trau­en und gegen­sei­ti­ger Zusam­men­ar­beit soll auch die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on in Bezug auf die von den natio­na­len Ver­wal­tungs­stel­len bei der Anwen­dung des EU-Rechts zu beach­ten­den Regeln und Grund­sät­ze berück­sich­tigt wer­den.

    Ergän­zung des Euro­päi­schen Rechts

    Die Jus­tiz­po­li­tik ent­wi­ckelt sich ins­be­son­de­re durch die zuneh­men­de Mobi­li­tät der Bür­ger und Unter­neh­men dyna­misch wei­ter. Daher könn­ten, wo dies erfor­der­lich erscheint, Initia­ti­ven zur Ergän­zung der bestehen­den Poli­tik und Rechts­in­stru­men­te in Betracht gezo­gen wer­den. Dies soll immer mit dem Ziel gesche­hen, das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en zu stär­ken, das Leben der Bür­ger zu erleich­tern und zu wei­te­rem Wachs­tum bei­zu­tra­gen. Die Not­wen­dig­keit und der Mehr­wert sol­cher Ergän­zungs­in­itia­ti­ven muss genau­so sorg­fäl­tig bewer­tet wer­den wie in ande­ren Berei­chen der EU-Poli­tik. Außer­dem ist dabei immer die Viel­fäl­tig­keit der Rechts­sys­te­me und ‑tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten zu berück­sich­ti­gen. Der zu wäh­len­de Ansatz – bei­spiels­wei­se gegen­sei­ti­ge Aner­ken­nung, Bestim­mung des anwend­ba­ren Rechts, her­kömm­li­che Har­mo­ni­sie­rung oder har­mo­ni­sier­te fakul­ta­ti­ve mate­ri­ell- oder ver­fah­rens­recht­li­che Rege­lun­gen – wird von dem jewei­li­gen Pro­blem abhän­gen.

  • Stär­kung des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens.

    Damit gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en ent­ste­hen kann, müs­sen die Jus­tiz­sys­te­me unab­hän­gig, hoch­wer­tig und leis­tungs­fä­hig sein. Bestehen­de oder fest­ge­stell­te Unzu­läng­lich­kei­ten sol­len kor­ri­giert wer­den, damit Bür­ger und Unter­neh­men sich voll und ganz auf das Jus­tiz­sys­tem ver­las­sen kön­nen, mit dem sie zu tun haben. Ein wei­te­res wich­ti­ges Ele­ment zur Gewähr­leis­tung des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens sowohl in Zivil- als auch in Straf­sa­chen ist die Garan­tie, dass die Ver­fah­rens­rech­te bei­der Par­tei­en gewahrt blei­ben. Es könn­te geprüft wer­den, ob die Not­wen­dig­keit besteht, die Ver­fah­rens­rech­te im Zivil­pro­zess zu stär­ken, z. B. in Bezug auf die Zustel­lung von Schrift­stü­cken und die Beweis­auf­nah­me oder um bes­ser zu gewähr­leis­ten, dass den Inter­es­sen von Kin­dern die größ­te Bedeu­tung bei­gemes­sen wird. Um eine rei­bungs­lo­se­re Zusam­men­ar­beit in Straf­sa­chen zu errei­chen, könn­te die gegen­sei­ti­ge Aner­ken­nung von Instru­men­ten, auf­bau­end auf der bis­her geleis­te­ten Arbeit in Berei­chen wie der Aner­ken­nung von Geld­stra­fen, Ein­zie­hungs­ent­schei­dun­gen und der Aberken­nung von Rech­ten, wei­ter aus­ge­baut wer­den. Nach Errich­tung der Euro­päi­schen Staats­an­walt­schaft wird die Pra­xis zei­gen, wo mög­li­cher­wei­se Bedarf an Ergän­zungs­maß­nah­men besteht.

  • Bei­trag zum Wirt­schafts­wachs­tum

    Mög­li­cher­wei­se sind zusätz­li­che jus­tiz­po­li­ti­sche Initia­ti­ven erfor­der­lich, um wei­ter zum Wachs­tum bei­zu­tra­gen, indem z. B. die Ent­wick­lung einer EU-„Rettungs- und Sanie­rungs­kul­tur“ bei Insol­ven­zen wei­ter vor­an­ge­trie­ben wird. Min­dest­stan­dards im Bereich des mate­ri­el­len Insol­venz­rechts, die eine früh­zei­ti­ge Restruk­tu­rie­rung trag­fä­hi­ger Unter­neh­men, die sich in finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten befin­den, erlau­ben, könn­ten für alle Mit­glied­staa­ten wün­schens­wert sein. Tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen, ins­be­son­de­re auf Märk­ten mit hohem Wachs­tums­po­ten­zi­al (wie dem Cloud-Markt) machen es erfor­der­lich, dass das Zivil­recht der EU immer auf dem neu­es­ten Stand ist. Die­ser Her­aus­for­de­rung könn­te mit einem kla­re­ren und kohä­ren­te­ren Rah­men für das Zivil- und Ver­trags­recht begeg­net wer­den, wobei die­ser Rah­men auch aus fakul­ta­ti­ven Sys­te­men bestehen könn­te, die dem Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip ent­spre­chen und der Viel­fäl­tig­keit der natio­na­len Rechts­sys­te­me Rech­nung tra­gen. Den Unter­neh­men wür­den so glei­che Aus­gangs­be­din­gun­gen gebo­ten und gleich­zei­tig die Inter­es­sen der Ver­brau­cher bes­ser geschützt. Die Durch­set­zung der Ver­brau­cher­schutz­rech­te ist nach wie vor Auf­ga­be der ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten, obwohl die grenz­über­schrei­ten­den Ein­käu­fe zuneh­men. Eine bes­se­re Durch­set­zung oder eine Klar­stel­lung bestehen­der Ver­brau­cher­schutz­rech­te könn­ten zu einem grö­ße­ren Ver­trau­en der Ver­brau­cher bei­tra­gen.

  • Den Bür­gern das Leben leich­ter machen

    Es soll geprüft wer­den, ob Bestim­mun­gen zur Ergän­zung der in den EU-Ver­trä­gen auf­ge­führ­ten Bür­ger­rech­te erlas­sen wer­den sol­len, damit das Recht jedes Bür­gers auf akti­ve Teil­ha­be am demo­kra­ti­schen Leben der Uni­on sei­ne vol­le Wirk­sam­keit ent­fal­ten kann und mobi­le EU-Bür­ger sich in ihrem Auf­nah­me­mit­glied­staat bes­ser inte­grie­ren kön­nen. Um Situa­tio­nen zu ver­mei­den, in denen Bür­ger z. B. im Zusam­men­hang mit Per­so­nen­stands­re­gis­tern Pro­ble­men begeg­nen, soll die EU prü­fen, ob zusätz­lich zu den bereits vor­lie­gen­den Vor­schlä­gen wei­te­re Maß­nah­men erfor­der­lich sind, um die Akzep­tanz öffent­li­cher Doku­men­te, die für Bür­ger und Unter­neh­men von beson­de­rer prak­ti­scher Bedeu­tung bei der Aus­übung ihrer Frei­zü­gig­keit sind, zu erleich­tern, bei­spiels­wei­se Regeln bezüg­lich des Fami­li­en­na­mens. In Straf­sa­chen erhal­ten Opfer nicht immer eine zufrie­den­stel­len­de Ent­schä­di­gung, ins­be­son­de­re sei­tens des Täters. Es wäre zu prü­fen, ob dies­be­züg­lich Maß­nah­men getrof­fen wer­den sol­len. Außer­dem sol­len natio­na­le Stra­te­gien zur Inte­gra­ti­on der Roma durch kon­kre­te Maß­nah­men auf natio­na­ler und loka­ler Ebe­ne ver­wirk­licht wer­den. Hier­zu soll die Nut­zung der EU-Mit­tel opti­miert und geprüft wer­den, wie die­se geziel­ter zur Inte­gra­ti­on der Roma ein­ge­setzt wer­den kön­nen.

Damit sicher­ge­stellt ist, dass EU-Bür­ger und ‑Unter­neh­men auch in ihren Bezie­hun­gen zu Dritt­län­dern geschützt sind, muss die EU aktiv an inter­na­tio­na­len Foren teil­neh­men und die Bezie­hun­gen zu ihren Part­nern pfle­gen. Ziel soll es sein, in den Bezie­hun­gen zu Dritt­län­dern für Unter­stüt­zung der bis­he­ri­gen Errun­gen­schaf­ten der EU bezüg­lich des Rechts­schut­zes und der Fest­set­zung von Stan­dards (bei­spiels­wei­se beim Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten) zu wer­ben und die Bezie­hun­gen auf die­ser Basis wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Beson­de­re Auf­merk­sam­keit soll dabei der För­de­rung leis­tungs­fä­hi­ger Jus­tiz­sys­te­me zuteil­wer­den, ins­be­son­de­re in Bei­tritts- und Nach­bar­län­dern. Im mul­ti­la­te­ra­len Bereich wird das Haupt­au­gen­merk auf einer effi­zi­en­te­ren Zusam­men­ar­beit mit der Haa­ger Kon­fe­renz für Inter­na­tio­na­les Pri­vat­recht lie­gen, bei der die EU in zivil- und han­dels­recht­li­chen Fra­gen mit einer Stim­me spricht.

In Bezug auf den Bei­tritt der EU zur Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on – den die Kom­mis­si­on auf der Grund­la­ge eines Man­dats des Rates von 2010 bis 2014 aus­ge­han­delt hat und der auf­grund des all­ge­mei­nen Grund­rech­te­sys­tems, das den Euro­päi­schen Rechts­raum stützt, von äußers­ter Bedeu­tung ist – müs­sen letz­te Hin­der­nis­se über­wun­den wer­den. Sobald der Gerichts­hof sein Gut­ach­ten zum Ergeb­nis die­ser Ver­hand­lun­gen abge­ge­ben hat, soll die EU unter umfas­sen­der Berück­sich­ti­gung des­sel­ben alle für einen raschen Abschluss der Ver­hand­lun­gen und der Rati­fi­zie­rungs­ver­fah­ren in den Mit­glied­staa­ten erfor­der­li­chen Maß­nah­men tref­fen, um ihre Ver­pflich­tung aus den Ver­trä­gen zu erfül­len.

  1. Das Stock­hol­mer Pro­gramm – Ein offe­nes und siche­res Euro­pa im Diens­te und zum Schutz der Bür­ger, ABl. C 115 vom 4.5.2010.[]
  2. Ein Raum der Frei­heit, der Sicher­heit und des Rechts für die Bür­ger Euro­pas – Akti­ons­plan zur Umset­zung des Stock­hol­mer Pro­gramms (KOM(2010) 171 end­gül­tig vom 20.4.2010.[]
  3. Mit­tei­lung der Kom­mis­si­on – „Das EU-Jus­tiz­ba­ro­me­ter – ein Instru­ment für eine leis­tungs­fä­hi­ge, wachs­tums­för­dern­de Jus­tiz – COM(2013) 160 und Mit­tei­lung der Kom­mis­si­on – „Das EU-Jus­tiz­ba­ro­me­ter 2014“ – COM(2014)155.[]
  4. Mit­tei­lung der Kom­mis­si­on „Ein neu­er EU-Rah­men zur Stär­kung des Rechts­staats­prin­zips“ (COM(2014) 158).[]