Die Vor­la­ge­pflicht an den EuGH und der Grund­satz des effek­ti­ven Rechts­schut­zes

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat noch­mals die Ver­pflich­tung des letzt­in­stanz­li­chen Gerichts betont, Fra­gen der Aus­le­gung von EU-Recht dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen. Unter­lässt das letzt­in­stanz­li­che Gericht ein der­ar­ti­ges Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen, so ver­letzt es das Recht der Par­tei­en auf Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art.20 Abs. 3 GG).

Die Vor­la­ge­pflicht an den EuGH und der Grund­satz des effek­ti­ven Rechts­schut­zes

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Die Vor­la­ge­pflicht zum EuGH und der Anspruch auf effek­ti­ven Rechts­schutz

Der aus dem Rechts­staats­prin­zip in Ver­bin­dung mit den Grund­rech­ten, ins­be­son­de­re Art. 2 Abs. 1 GG, abzu­lei­ten­de Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch gewähr­leis­tet nicht nur den Zugang zu den Gerich­ten sowie eine ver­bind­li­che Ent­schei­dung durch den Rich­ter auf­grund einer grund­sätz­lich umfas­sen­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Prü­fung des Streit­ge­gen­stan­des [1]. Das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes beein­flusst auch die Aus­le­gung und Anwen­dung der Bestim­mun­gen, die für die Eröff­nung eines Rechts­wegs und die Beschrei­tung eines Instan­zen­zugs von Bedeu­tung sind. Es begrün­det zwar kei­nen Anspruch auf eine wei­te­re Instanz; die Ent­schei­dung über den Umfang des Rechts­mit­tel­zugs bleibt viel­mehr dem Gesetz­ge­ber über­las­sen [2]. Hat der Gesetz­ge­ber sich jedoch für die Eröff­nung einer wei­te­ren Instanz ent­schie­den und sieht die betref­fen­de Pro­zess­ord­nung dem­entspre­chend ein Rechts­mit­tel vor, so darf der Zugang dazu nicht in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wer­den [3]. Das Rechts­mit­tel­ge­richt darf ein von der jewei­li­gen Pro­zess­ord­nung eröff­ne­tes Rechts­mit­tel daher nicht inef­fek­tiv machen und für den Beschwer­de­füh­rer leer­lau­fen las­sen [4].

Lässt ein Fach­ge­richt ein zulas­sungs­be­dürf­ti­ges Rechts­mit­tel nicht zu, müs­sen die Ent­schei­dungs­grün­de das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in die Lage ver­set­zen zu über­prü­fen, ob das Gericht dabei ein von der jewei­li­gen Rechts­ord­nung grund­sätz­lich eröff­ne­tes Rechts­mit­tel inef­fek­tiv gemacht hat [5]. Dar­in liegt kein Wider­spruch zu dem Grund­satz, dass letzt­in­stanz­li­che Ent­schei­dun­gen von Ver­fas­sungs wegen nicht begrün­det wer­den müs­sen [6]. Die Begrün­dungs­ob­lie­gen­heit folgt in die­ser Kon­stel­la­ti­on im Zivil­pro­zess aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG. Denn ein Beru­fungs­ge­richt, das die Revi­si­on nicht zulässt, ent­schei­det, falls die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de nicht eröff­net ist, unan­fecht­bar über die Erreich­bar­keit von höher­instanz­li­chem Rechts­schutz im kon­kre­ten Fall. Unter­lässt das Fach­ge­richt eine nach­voll­zieh­ba­re Begrün­dung sei­ner Nicht­zu­las­sungs­ent­schei­dung und erhellt sich die­se auch nicht aus dem Zusam­men­hang, kommt eine Auf­he­bung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dann in Betracht, wenn die Zulas­sung des Rechts­mit­tels nahe­ge­le­gen hät­te [7].

Die Vor­la­ge­pflicht zum EuGH trotz Beru­fungs­zu­rück­wei­sung durch ein­stim­mi­gen Beschluss

Die­se Grund­sät­ze fin­den auch auf den ein­stim­mi­gen Beschluss des Beru­fungs­ge­richts über die Zurück­wei­sung der Beru­fung nach § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO a.F. Anwen­dung, da er gemäß § 522 Abs. 3 ZPO a.F. nicht anfecht­bar war und damit den Weg zur Revi­si­on ver­sperr­te. Mit dem Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes unver­ein­bar sind eine den Zugang zur Revi­si­on erschwe­ren­de Aus­le­gung und Anwen­dung des § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO a.F. mit­hin dann, wenn sie sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen sind, sich mit­hin als objek­tiv will­kür­lich erwei­sen und dadurch den Zugang zur nächs­ten Instanz unzu­mut­bar ein­schrän­ken [8].

Nach § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO a.F. weist das Beru­fungs­ge­richt die Beru­fung unver­züg­lich zurück, wenn es unter ande­rem davon über­zeugt ist, dass die Rechts­sa­che kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung (Nr. 2) hat.

Grund­sätz­li­che Bedeu­tung, die gege­be­nen­falls gemäß § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO a.F. einer Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts im Beschluss­we­ge ent­ge­gen­steht, kommt einer Sache zu, wenn sie eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che, klä­rungs­fä­hi­ge und klä­rungs­be­dürf­ti­ge Rechts­fra­ge auf­wirft, die sich in einer unbe­stimm­ten Viel­zahl wei­te­rer Fäl­le stel­len kann und des­halb das abs­trak­te Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der ein­heit­li­chen Ent­wick­lung und Hand­ha­bung des Rechts berührt (vgl. zu § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO: BGHZ 151, 221, 223; 152, 182, 190 ff.; 154, 288, 291; BGH, Beschluss vom 08.02.2010 – II ZR 54/​09, WM 2010, S. 936, 937 Rn. 3; BVerfGK 17, 196, 200).

Stellt sich eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che und der ein­heit­li­chen Aus­le­gung bedür­fen­de Fra­ge des Uni­ons­rechts, ist bereits mit der sich vor­aus­sicht­lich in einem künf­ti­gen Revi­si­ons­ver­fah­ren erge­ben­den Not­wen­dig­keit eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on der Zulas­sungs­grund der „grund­sätz­li­chen Bedeu­tung“ im Sin­ne von § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO a.F. (bzw. § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO) gege­ben [9].

Die Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts, die Beru­fung gemäß § 522 Abs. 2 ZPO a.F. durch Beschluss zurück­zu­wei­sen, und die ihr zugrun­de lie­gen­de Annah­me, dass sich eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che, einen Zulas­sungs­grund im Sin­ne des § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2, 3 ZPO a.F. (bzw. § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO) bedin­gen­de Fra­ge des Uni­ons­rechts nicht stel­le, sind an den vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt [10] für die Hand­ha­bung des Art. 267 Abs. 3 AEUV her­aus­ge­ar­bei­te­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Kon­troll­maß­stä­ben zu mes­sen [11].

Das Beru­fungs­ge­richt, das die Vor­aus­set­zun­gen des § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO a.F. für gege­ben erach­tet, eröff­net sich den Weg der Beru­fungs­zu­rück­wei­sung durch Beschluss und wird damit zugleich, weil der Beschluss nach § 522 Abs. 3 ZPO a.F. der Anfech­tung ent­zo­gen ist, zum letzt­in­stanz­li­chen Gericht und damit zum Adres­sa­ten der in Art. 267 Abs. 3 AEUV gere­gel­ten Vor­la­ge­ver­pflich­tung. Da in einem sol­chen Fall die Beja­hung des Anwen­dungs­be­reichs von § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO a.F. durch das Beru­fungs­ge­richt zwangs­läu­fig die Ent­schei­dung die­ses Gerichts ein­schließt, die ihm ange­tra­ge­ne Fra­ge des Uni­ons­rechts nicht dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on vor­zu­le­gen, bedarf es der Rück­be­zie­hung der Maß­stä­be, die für die Hand­ha­bung des Art. 267 Abs. 3 AEUV gel­ten, auf die Aus­le­gung und Anwen­dung der Anwen­dungs­vor­aus­set­zun­gen des § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2, 3 ZPO a.F. [12].

Nach die­ser Maß­ga­be wird – bezo­gen auf die Anwen­dung von § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO a.F. – ein letzt­in­stanz­li­ches natio­na­les Gericht, das mit einer Fra­ge des Uni­ons­rechts befasst wird und die in § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2, 3 ZPO a.F. genann­ten Zulas­sungs­grün­de ver­neint, dem Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch in der Regel nur dann gerecht, wenn es ent­we­der fest­ge­stellt hat, dass die gestell­te Fra­ge nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ist, oder wenn es nach Aus­wer­tung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts eine ver­tret­ba­re Begrün­dung dafür gibt, dass die maß­geb­li­che Rechts­fra­ge durch den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on bereits ent­schie­den ist oder dass die rich­ti­ge Ant­wort auf die­se Rechts­fra­ge der­art offen­kun­dig ist, dass für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel kei­ner­lei Raum bleibt.

Umge­kehrt wird die sich stel­len­de ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge des Uni­ons­rechts dann nicht in zumin­dest ver­tret­ba­rer Wei­se beant­wor­tet, wenn das natio­na­le Gericht eine eige­ne Lösung ent­wi­ckelt, die nicht auf die bestehen­de Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zurück­ge­führt wer­den kann und auch nicht einer ein­deu­ti­gen Rechts­la­ge ent­spricht. Dann erscheint die Ver­nei­nung der sich vor­aus­sicht­lich in einem etwai­gen Revi­si­ons­ver­fah­ren erge­ben­den – und einen Zulas­sungs­grund im Sin­ne von § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2, 3 ZPO a.F. (bzw. § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO) begrün­den­den – Not­wen­dig­keit eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens nicht mehr ver­ständ­lich und ist offen­sicht­lich unhalt­bar.

Die Vor­la­ge­pflicht zum EuGH und das Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter

Ob der Beschwer­de­füh­rer dar­über hin­aus durch das unter­blie­be­ne Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen auch in sei­nem Anspruch auf den gesetz­li­chen Rich­ter (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) ver­letzt ist, bedurf­te danach kei­ner Ent­schei­dung mehr.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 3. März 2014 – 1 BvR 2534/​10

  1. vgl. BVerfGE 97, 169, 185; 107, 395, 401; 108, 341, 347[]
  2. vgl. BVerfGE 54, 277, 291; 89, 381, 390; 107, 395, 401 f.[]
  3. vgl. BVerfGE 77, 275, 284; 78, 88, 99; 88, 118, 124[]
  4. vgl. BVerfGE 78, 88, 98 f.; 96, 27, 39[]
  5. vgl. #BVerfGE 104, 220, 231 f.>; BVerfGK 19, 364, 367[]
  6. vgl. BVerfGE 50, 287, 289 f.; 104, 1, 7 f.; BVerfGK 19, 364, 367[]
  7. vgl. BVerfGK 17, 533, 544 m.w.N. [zur Vor­la­ge­pflicht gemäß Art. 267 AEUV]; 19, 364, 367[]
  8. vgl. BVerfGK 15, 127, 131; 17, 196, 199 f.; BVerfG, Beschluss vom 04.11.2008 – 1 BvR 2587/​06, NJW 2009, S. 572, 573 Rn. 17 m.w.N.[]
  9. vgl. für das ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Ver­fah­ren: BVerfGE 82, 159, 196; für das finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren: BVerfG, Beschluss vom 22.12 1992 – 2 BvR 557/​88, NVwZ 1993, S. 883, 883 f.; für das zivil­ge­richt­li­che Ver­fah­ren: BVerfGK 13, 418, 425; 19, 197, 204; BGH, Beschluss vom 16.01.2003 – I ZR 130/​02, LRE 46, S. 279 f.; Krü­ger, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zur ZPO, 4. Aufl.2012, § 543 Rn. 6[]
  10. in BVerfGE 73, 339, 366 ff.; 82, 159, 192 ff.; 126, 286, 315 f.; 129, 78, 105 ff.; zuletzt BVerfG, Urteil vom 28.01.2014 – 2 BvR 1561, 1562, 1563, 1564/​12 176 ff.[]
  11. vgl. für die Zurück­wei­sung einer Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de durch das Revi­si­ons­ge­richt: BVerfG, Beschluss vom 22.12 1992 – 2 BvR 557/​88, NVwZ 1993, S. 883, 884[]
  12. so für die ver­gleich­ba­re Zurück­wei­sung einer Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de durch das Revi­si­ons­ge­richt: BVerfG, Beschluss vom 22.12 1992 – 2 BvR 557/​88, NVwZ 1993, S. 883, 884 [zu § 115 Abs. 2 Nr. 1 FGO]; fer­ner BVerfGK 19, 364, 367 [zu § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO][]