Euro­päi­scher Haft­be­fehl und natio­na­le Rechts­be­hel­fe

Nach dem Uni­ons­recht steht es den Mit­glied­staa­ten frei, bei Ent­schei­dun­gen, mit denen die Wir­kun­gen eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls aus­ge­wei­tet wer­den, einen Rechts­be­helf mit auf­schie­ben­der Wir­kung vor­zu­se­hen. Ent­schei­det sich ein Mit­glied­staat für einen sol­chen Rechts­be­helf, muss die Ent­schei­dung über die Aus­wei­tung nach dem Uni­ons­recht aber inner­halb der Fris­ten erfol­gen, die nach den uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen über den Euro­päi­schen Haft­be­fehl vor­ge­se­hen sind.

Euro­päi­scher Haft­be­fehl und natio­na­le Rechts­be­hel­fe

Mit dem Rah­men­be­schluss 2002/​584/​JI des Rates über den Euro­päi­schen Haft­be­fehl und die Über­ga­be­ver­fah­ren zwi­schen den Mit­glied­staa­ten [1] soll zwi­schen den EU-Mit­glied­staa­ten die Über­ga­be gesuch­ter Per­so­nen zur Straf­ver­fol­gung oder zur Voll­stre­ckung einer Frei­heits­stra­fe oder einer frei­heits­ent­zie­hen­den Maß­re­gel der Siche­rung ver­ein­facht und beschleu­nigt wer­den. Die Mit­glied­staa­ten müs­sen des­halb bestimm­te Fris­ten ein­hal­ten; die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung über die Voll­stre­ckung eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls hat grund­sätz­lich inner­halb von 60 Tagen nach der Fest­nah­me der gesuch­ten Per­son zu erfol­gen (Art. 17 Abs. 3 des Rah­men­be­schlus­ses 2002/​584/​JI über den Euro­päi­schen Haft­be­fehl).

Im vor­lie­gen­den Fall erließ der eng­li­sche Crown court Maid­stone am 25. Sep­tem­ber 2012 gegen Herrn Jere­my F., einen bri­ti­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, im Rah­men eines gegen die­sen ein­ge­lei­te­ten Straf­ver­fah­rens einen Euro­päi­schen Haft­be­fehl; es ging um im Ver­ei­nig­ten König­reich began­ge­ne Hand­lun­gen, die nach eng­li­schem Recht den Tat­be­stand der Kin­des­ent­füh­rung erfül­len, einer Straf­tat, die mit einer Höchst­stra­fe von sie­ben Jah­ren Frei­heits­stra­fe bedroht ist.

Als Herr F. am 28. Sep­tem­ber 2012 in Frank­reich fest­ge­nom­men wur­de, erklär­te er vor der Cour d’appel Bor­deaux aus­drück­lich, dass er sei­ner Über­ga­be an die Jus­tiz­be­hör­den des Ver­ei­nig­ten König­reichs zustim­me; er ver­zich­te­te aber nicht auf den Schutz des Grund­sat­zes der Spe­zia­li­tät, nach dem die Per­son, gegen die ein Haft­be­fehl erlas­sen wor­den ist, wegen vor der Über­ga­be began­ge­ner ande­rer Hand­lun­gen als den­je­ni­gen, die der Über­ga­be zugrun­de lie­gen, weder ver­folgt noch ver­ur­teilt noch in Haft gehal­ten wer­den darf.

Mit Urteil vom 4. Okto­ber 2012 ord­ne­te die Chambre de l’instruction (die für die Vor­be­rei­tung der öffent­li­chen Kla­ge zustän­di­ge Straf­kam­mer) der Cour d’appel Bor­deaux sei­ne Über­ga­be an die bri­ti­schen Jus­tiz­be­hör­den zum Zwe­cke der Ver­fol­gung der in dem Haft­be­fehl ange­ge­be­nen Straf­ta­ten an. Die­se fand am 10. Okto­ber 2012 statt; Herr F. ist seit­dem im Ver­ei­nig­ten König­reich in Haft.
Am 22. Okto­ber 2012 erhielt der Pro­cur­e­ur géné­ral (Staats­an­walt­schaft) bei der Cour d’appel Bor­deaux ein Ersu­chen der Jus­tiz­be­hör­den des Ver­ei­nig­ten König­reichs um Zustim­mung der Chambre de l’instruction die­ses Gerichts dazu, dass Herr F. wegen Hand­lun­gen ver­folgt wer­de, die vor sei­ner Über­ga­be im Ver­ei­nig­ten König­reich began­gen wor­den sei­en und mög­li­cher­wei­se eine ande­re Straf­tat dar­stell­ten als die, die der Über­ga­be zugrun­de lie­ge. Auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 18. Dezem­ber 2012 ent­schied die genann­te Chambre de l’instruction mit Urteil vom 15. Janu­ar 2013, die erbe­te­ne Zustim­mung zur Aus­wei­tung des Zwecks der Über­ga­be auf die Ver­fol­gung wei­te­rer Straf­ta­ten zu ertei­len, näm­lich der von Herrn F. vom 1. Juli bis zum 20. Sep­tem­ber 2012 an einer sech­zehn­jäh­ri­gen Min­der­jäh­ri­gen vor­ge­nom­me­nen sexu­el­len Hand­lun­gen.

Herr F. leg­te gegen die­ses Urteil ein Rechts­mit­tel bei der Cour de cas­sa­ti­on (den fran­zö­si­schen Kas­sa­ti­ons­ge­richt) ein, die dem Con­seil con­sti­tu­ti­on­nel (Ver­fas­sungs­rat) eine das fran­zö­si­sche Recht (Art. 695–46 des Code de pro­cé­du­re péna­le) betref­fen­de vor­ran­gi­ge Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit zur Ent­schei­dung vor­leg­te.

Nach dem fran­zö­si­schen Code de pro­cé­du­re péna­le (der fran­zö­si­schen Straf­pro­zess­ord­nung) hat die Chambre de l’instruction, wenn eine Per­son auf­grund eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls einem ande­ren Mit­glied­staat über­ge­ben wor­den ist, näm­lich u. a. über Ersu­chen um Aus­wei­tung der Wir­kun­gen des Haft­be­fehls auf ande­re Straf­ta­ten inner­halb von 30 Tagen zu ent­schei­den, und zwar „unan­fecht­bar“.

Frag­lich ist, ob es nach dem Rah­men­be­schluss zuläs­sig ist, dass es gegen die Ent­schei­dung der Jus­tiz­be­hör­de kei­nen Rechts­be­helf gibt. Der Con­seil con­sti­tu­ti­on­nel hat­te dar­über zu befin­den, ob die fran­zö­si­sche Straf­pro­zess­ord­nung, weil sie vor­sieht, dass die Ent­schei­dung der Chambre de l‘instruction unan­fecht­bar ist, das Recht auf einen wirk­sa­men gericht­li­chen Rechts­be­helf ver­letzt und gegen den Grund­satz der Gleich­heit vor dem Gesetz ver­stößt. Wäre der Rah­men­be­schluss aber dahin aus­zu­le­gen, dass er aus irgend­ei­nem Grund die Mög­lich­keit eines sol­chen Rechts­be­helfs aus­schließt, etwa wegen Unver­ein­bar­keit mit den im Rah­men­be­schluss vor­ge­se­he­nen zwin­gen­den Fris­ten, hät­te der Con­seil con­sti­tu­ti­on­nel dem Uni­ons­recht den Vor­rang geben müs­sen und ein sich gege­be­nen­falls aus Grund­sät­zen, die in Frank­reich Ver­fas­sungs­rang haben, erge­ben­des Recht auf einen Rechts­be­helf nicht aner­ken­nen dür­fen, im Ein­klang mit der durch das Urteil Mel­lo­ni [2] begrün­de­ten Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on.

Der Con­seil con­sti­tu­ti­on­nel hat sich in die­sem Kon­text zum ers­ten Mal seit sei­nem Bestehen dafür ent­schie­den, dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on eine Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen. Auf Antrag des Con­seil con­sti­tu­ti­on­nel ent­schied der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, im Eil­ver­fah­ren über die Rechts­sa­che zu ent­schei­den, ins­be­son­de­re wegen des Frei­heits­ent­zugs für Herrn F.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil ant­wor­tet der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on als Ers­tes, dass die Fra­ge, ob die Mit­glied­staa­ten bei Ent­schei­dun­gen in Bezug auf den Euro­päi­schen Haft­be­fehl einen gericht­li­chen Rechts­be­helf mit auf­schie­ben­der Wir­kung vor­se­hen kön­nen, im Rah­men­be­schluss nicht gere­gelt ist. Dies bedeu­tet jedoch nicht, dass der Rah­men­be­schluss die Mit­glied­staa­ten dar­an hin­der­te oder dazu ver­pflich­te­te.

Inso­fern weist der Euro­päi­sche Gerichts­hof dar­auf hin, dass bereits der Rah­men­be­schluss selbst ein Ver­fah­ren vor­sieht, das mit den Anfor­de­run­gen der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on zur Gewähr­leis­tung des Rechts auf einen wirk­sa­men Rechts­be­helf und ein unpar­tei­isches Gericht (Art. 47 Grund­rech­te-Char­ta) in Ein­klang steht – unab­hän­gig von den von den Mit­glied­staa­ten gewähl­ten Moda­li­tä­ten der Durch­füh­rung des Rah­men­be­schlus­ses.

Ent­schei­dun­gen zur Voll­stre­ckung des Euro­päi­schen Haft­be­fehls müs­sen näm­lich aus­rei­chen­der Kon­trol­le unter­lie­gen; das gesam­te Ver­fah­ren der Über­ga­be zwi­schen den Mit­glied­staa­ten unter­liegt gericht­li­cher Kon­trol­le, unter Beach­tung der Grund­rech­te und der all­ge­mei­nen Rechts­grund­sät­ze, wie sie im Uni­ons­recht ver­an­kert sind und in der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on zum Aus­druck kom­men. Außer­dem erin­nert der Gerichts­hof dar­an, dass für die Mit­glied­staa­ten auch in dem vom Uni­ons­recht nicht erfass­ten Haupt­ver­fah­ren des Straf­pro­zes­ses die Ver­pflich­tung zur Beach­tung der Grund­rech­te gilt, wie sie in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on oder in ihrem natio­na­len Recht nie­der­ge­legt sind; die­se Ver­pflich­tung ver­stärkt den Grad des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens zwi­schen den Mit­glied­staa­ten und den Grund­satz der gegen­sei­ti­gen Aner­ken­nung, auf denen der Mecha­nis­mus des Haft­be­fehls beruht.

Als Zwei­tes führt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on aus, dass, auch wenn ein etwai­ges Recht auf einen Rechts­be­helf mit auf­schie­ben­der Wir­kung gegen Ent­schei­dun­gen über den Euro­päi­schen Haft­be­fehl im Rah­men­be­schluss nicht gere­gelt ist, dem Spiel­raum, über den die Mit­glied­staa­ten inso­weit ver­fü­gen, bestimm­te Gren­zen gesetzt wer­den müs­sen.

Das Ziel der Beschleu­ni­gung der jus­ti­zi­el­len Zusam­men­ar­beit wird näm­lich bei meh­re­ren Aspek­ten des Rah­men­be­schlus­ses deut­lich, ins­be­son­de­re bei der Behand­lung der Fris­ten für den Erlass von Ent­schei­dun­gen in Bezug auf den Haft­be­fehl.

Wegen der Bedeu­tung der genann­ten Fris­ten muss die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung über die Voll­stre­ckung des Haft­be­fehls grund­sätz­lich inner­halb von zehn Tagen nach Ertei­lung der Zustim­mung der gesuch­ten Per­son zu der Über­ga­be erfol­gen, in den ande­ren Fäl­len inner­halb von 60 Tagen nach deren Fest­nah­me. Nur in Son­der­fäl­len kön­nen die­se Fris­ten um wei­te­re 30 Tage ver­län­gert wer­den, und nur bei Vor­lie­gen außer­ge­wöhn­li­cher Umstän­de kommt ihre Nicht­ein­hal­tung in Betracht.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on stellt fest, dass die Ent­schei­dung, mit der der Haft­be­fehl oder eine wei­te­re Über­ga­be aus­ge­wei­tet wer­den, nach dem Rah­men­be­schluss grund­sätz­lich inner­halb von 30 Tagen nach Ein­gang des Ersu­chens zu tref­fen ist. Sehen natio­na­le Rechts­vor­schrif­ten einen Rechts­be­helf mit auf­schie­ben­der Wir­kung gegen eine sol­che Ent­schei­dung vor, muss die­ser inner­halb der genann­ten, für den Erlass einer end­gül­ti­gen Ent­schei­dung über die Voll­stre­ckung des Haft­be­fehls gel­ten­den Fris­ten aus­ge­übt wer­den.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 30. Mai 2013 – C‑168/​13 PPU [Jere­my F. /​Pre­mier minist­re]

  1. vom 13.06.2002, ABl.EU L 190, S. 1, in der durch den Rah­men­be­schluss 2009/​299/​JI des Rates vom 26.02.2009, ABl. L 81, S. 24, geän­der­ten Fas­sung[]
  2. EuGH, Urteil vom 26.02.2013 – C‑399/​11 [Mel­lo­ni][]