Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge in Embar­go-Sachen

Eine Per­son, gegen die eine Maß­nah­me des Ein­frie­rens von Gel­dern gerich­tet wur­de, behält ein Inter­es­se dar­an, dass die Maß­nah­me vom Uni­ons­rich­ter für nich­tig erklärt wird, selbst wenn sie im Lauf des Ver­fah­rens auf­ge­ho­ben wor­den ist. Das Beja­hen der Rechts­wid­rig­keit kann eine Form der Wie­der­gut­ma­chung des erlit­te­nen imma­te­ri­el­len Scha­dens dar­stel­len.

Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge in Embar­go-Sachen

Am 21. Okto­ber 2008 wur­de der Name von Herrn Abdul­ra­him in die Lis­te, die der mit der Afgha­ni­stan-Reso­lu­ti­on 1267 (1999) ein­ge­setz­te Sank­ti­ons­aus­schuss des Sicher­heits­rats der Ver­ein­ten Natio­nen 1999 zur Situa­ti­on in Afgha­ni­stan erstellt hat­te, auf­ge­nom­men [1], weil er an der Mit­tel­be­schaf­fung zuguns­ten der Liby­schen Isla­mi­schen Kampf­grup­pe (Liby­an Isla­mic Figh­t­ing Group, LIFG) betei­ligt gewe­sen sei und in der LIFG füh­ren­de Posi­tio­nen inne­ge­habt habe. Daher wur­de Herr Abdul­ra­him in die Lis­te auf­ge­nom­men, die gemäß der Ver­ord­nung (EG) Nr. 881/​2002 des Rates vom 27. Mai 2002 über die Anwen­dung bestimm­ter spe­zi­fi­scher restrik­ti­ver Maß­nah­men gegen bestimm­te Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen, die mit Osa­ma bin Laden, dem Al-Qai­da-Netz­werk und den Tali­ban in Ver­bin­dung ste­hen [2] in Ver­bin­dung ste­hen (im Fol­gen­den: strei­ti­ge Lis­te).

2009 erhob Herr Abdul­ra­him beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on Kla­ge auf Nich­tig­erklä­rung der gegen ihn gerich­te­ten euro­päi­schen Rege­lung. Er mach­te gel­tend, dass weder der Rat noch die Kom­mis­si­on die Grün­de für sei­ne Auf­nah­me erläu­tert hät­ten, dass ihm die ihm zur Last geleg­ten Umstän­de nicht mit­ge­teilt wor­den sei­en und dass er hier­zu nicht gehört wor­den sei. Er trug vor, dass das Ein­frie­ren der Gel­der eine unver­hält­nis­mä­ßi­ge Maß­nah­me sei, da es sein Eigen­tums­recht und sein Recht auf Pri­vat­le­ben beein­träch­ti­ge. Schließ­lich mach­te er gel­tend, dass er zu kei­ner Zeit mit Osa­ma bin Laden, dem Al-Qai­da-Netz­werk oder den Tali­ban in Ver­bin­dung gestan­den habe.

Wäh­rend die Rechts­sa­che dem Gericht zur Prü­fung vor­lag, wur­de der Name von Herrn Abdul­ra­him zunächst aus der Lis­te des Sank­ti­ons­aus­schus­ses und dann durch eine Ver­ord­nung der EU-Kom­mis­si­on [3] aus der strei­ti­gen Lis­te gestri­chen. Da das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on der Ansicht war, dass der Antrag auf Nich­tig­erklä­rung sei­ner Auf­nah­me in die Lis­te infol­ge­des­sen gegen­stands­los gewor­den sei, ent­schied es nach Art. 113 sei­ner Ver­fah­rens­ord­nung mit Beschluss, dass sich die Haupt­sa­che erle­digt habe, obwohl Herr Abdul­ra­him dem ent­ge­gen getre­ten ist [4].

Zur Stüt­zung sei­nes Rechts­mit­tels, das er beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gegen den Beschluss des Gerichts ers­ter Instanz ein­ge­legt hat, macht Herr Abdul­ra­him gel­tend, dem Gericht sei ein Rechts­feh­ler unter­lau­fen, als es die Ansicht ver­tre­ten habe, dass er kein Rechts­schutz­in­ter­es­se mehr habe, weil ihm die Nich­tig­erklä­rung der Ver­ord­nung, mit der er in die strei­ti­ge Lis­te auf­ge­nom­men wor­den sei, kei­nen Vor­teil ver­schaf­fen kön­ne.

Er beruft sich ins­be­son­de­re auf sein offen­kun­di­ges Inter­es­se an einer Gerichts­ent­schei­dung, um den Rechts­akt für nich­tig erklä­ren zu las­sen, durch den er als Per­son bezeich­net wor­den sei, die Ver­bin­dun­gen zu einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung habe. Kon­kret war sei­ne Nich­tig­keits­kla­ge beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf gerich­tet, der fort­dau­ern­den Ver­let­zung sei­nes Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens Ein­halt zu gebie­ten, sei­nen Ruf wie­der­her­zu­stel­len und die Anstel­lungs- und Rei­se­hin­der­nis­se sowie die sich für ihn und für sei­ne Fami­lie erge­ben­den Fol­gen sei­ner Auf­nah­me in die strei­ti­ge Lis­te zu besei­ti­gen.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst auf sei­ne Recht­spre­chung hin, mit der er aner­kannt hat, dass das Rechts­schutz­in­ter­es­se eines Klä­gers nicht zwangs­läu­fig ent­fällt, weil der ange­foch­te­ne Rechts­akt im Lauf des Ver­fah­rens außer Kraft tritt. Viel­mehr behält der von die­sem Rechts­akt Betrof­fe­ne ein Inter­es­se an des­sen Nich­tig­erklä­rung, sei es, um zu errei­chen, dass er wie­der in einen frü­he­ren Stand ver­setzt wird, sei es, um den Urhe­ber der ange­foch­te­nen Hand­lung zu ver­an­las­sen, sie für die Zukunft in geeig­ne­ter Wei­se zu ändern und um somit das Risi­ko zu ver­mei­den, dass sich der Rechts­ver­stoß in Zukunft wie­der­holt, sei es schließ­lich, um eine etwai­ge Haf­tungs­kla­ge zu erhe­ben.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on bestä­tigt sodann die vom Gericht vor­ge­nom­me­ne Unter­schei­dung zwi­schen der Auf­he­bung einer Hand­lung (die kei­ne rück­wir­ken­de Aner­ken­nung ihrer Rechts­wid­rig­keit impli­ziert) und einem Nich­tig­keits­ur­teil (mit dem die Hand­lung rück­wir­kend aus der Rechts­ord­nung ent­fernt und sie so betrach­tet wird, als ob sie nie­mals bestan­den hät­te). Inso­fern stellt der Gerichts­hof fest, dass das Gericht zu Unrecht zu dem Schluss gekom­men ist, dass die­ser Unter­schied für Herrn Abdul­ra­him kein Inter­es­se an der Nich­tig­erklä­rung der ihn betref­fen­den Ver­ord­nung begrün­den kön­ne.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hebt näm­lich her­vor, dass die restrik­ti­ven Maß­nah­men kon­kre­te nega­ti­ve Kon­se­quen­zen für die Rech­te und Frei­hei­ten der betrof­fe­nen Per­so­nen haben: Das Ein­frie­ren von Gel­dern erschüt­tert zutiefst ihr Berufs- und Fami­li­en­le­ben und behin­dert ihre Frei­heit zum Abschluss von Rechts­ge­schäf­ten. Außer­dem sind restrik­ti­ve Maß­nah­men mit einer Stig­ma­ti­sie­rung und mit Miss­trau­en durch die Gesell­schaft ver­bun­den.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fol­gert dar­aus, dass das Rechts­schutz­in­ter­es­se von Herrn Abdul­ra­him, vom Uni­ons­rich­ter aner­ken­nen zu las­sen, dass er nie­mals in die­se Lis­te hät­te auf­ge­nom­men wer­den dür­fen, trotz der Strei­chung sei­nes Namens aus der strei­ti­gen Lis­te fort­be­steht.

In Anbe­tracht des Aus­ma­ßes der Beein­träch­ti­gung sei­nes Rufes hat Herr Abdul­ra­him ein Rechts­schutz­in­ter­es­se dar­an, die Nich­tig­erklä­rung der Ver­ord­nung Nr. 1330/​2008, soweit sie ihn betrifft, zu bean­tra­gen und, falls sei­ner Kla­ge statt­ge­ge­ben wer­den soll­te, sei­ne Reha­bi­li­tie­rung und somit eine gewis­se Form der Wie­der­gut­ma­chung sei­nes imma­te­ri­el­len Scha­dens zu erlan­gen.

Folg­lich ist dem Gericht der Euro­päi­schen Uni­on bei sei­ner Ent­schei­dung, dass der Klä­ger kein Rechts­schutz­in­ter­es­se mehr habe, ein Rechts­feh­ler unter­lau­fen. Da das Gericht der Euro­päi­schen Unin die Begründ­etheit des Rechts­streits nicht geprüft hat, ist der Euro­päi­sche Gerichts­hof der Ansicht, dass der Rechts­streit nicht zur Ent­schei­dung reif ist; daher ver­weist er die Sache an das Gericht zurück.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 28. Mai 2013 – C‑239/​12 P [Abdul­ba­sit Abdulrahim/​Rat und Kom­mis­si­on]

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 1330/​2008 der Kom­mis­si­on vom 22.12.2008, ABl. L 345, S. 60[]
  2. ABl. L 139, S. 9[]
  3. Ver­ord­nung (EU) Nr. 36/​2011 der Kom­mis­si­on vom 18.01.2011 zur 143. Ände­rung der Ver­ord­nung Nr. 881/​2002, ABl. L 14, S. 11[]
  4. EuG, Beschluss vom 28.02.2012 – T‑127/​09[]