Brüssel-I-VO — und die Klagen in mehreren Mitgliedsstaaten

Nach Art. 27 Abs. 1 Brüs­sel-I-VO set­zt, wenn bei Gericht­en ver­schieden­er Mit­glied­staat­en Kla­gen wegen des­sel­ben Anspruchs zwis­chen densel­ben Parteien anhängig gemacht wer­den, das später angerufene Gericht das Ver­fahren von Amts wegen aus, bis die Zuständigkeit des zuerst angerufe­nen Gerichts fest­ste­ht.

Brüssel-I-VO — und die Klagen in mehreren Mitgliedsstaaten

Der Stre­it­ge­gen­stands­be­griff des Art. 27 Brüs­sel-I-VO ist nicht nach dem Prozess­recht der jew­eili­gen, in ver­schiede­nen Mit­glied­staat­en angerufe­nen Gerichte, son­dern union­srecht­sau­tonom auszule­gen1.

Die Ausle­gung des Begriffs “der­selbe Anspruch” in Art. 21 EuGVÜ und Art. 27 Brüs­sel-I-VO hat sich daran zu ori­en­tieren, dass soweit wie möglich Par­al­lel­prozesse vor Gericht­en ver­schieden­er Ver­tragsstaat­en ver­mieden wer­den, in denen Entschei­dun­gen erge­hen kön­nen, die miteinan­der “unvere­in­bar” im Sinne von Art. 27 Nr. 3 EuGVÜ und Art. 34 Nr. 3 Brüs­sel-I-VO sind und deshalb in dem jew­eils anderen Staat nicht anerkan­nt wer­den2.

Für die Unvere­in­barkeit zweier Entschei­dun­gen im Sinne des Art. 27 Nr. 3 EuGVÜ und Art. 34 Nr. 3 Brüs­sel-I-VO und die Beurteilung, ob in zwei Prozessen der­selbe Anspruch ver­fol­gt wird, kommt es deshalb nicht auf die “for­male Iden­tität” der Kla­gen, son­dern darauf an, ob der “Kern­punkt” bei­der Rechtsstre­it­igkeit­en der­selbe ist3.

Zur Klärung der Frage, ob eine solche Unvere­in­barkeit vor­liegt, ist zu prüfen, ob die betr­e­f­fend­en Entschei­dun­gen Rechts­fol­gen haben, die sich gegen­seit­ig auss­chließen4.

Nach diesen Maßstäben ist das Beru­fungs­gericht zu Recht davon aus­ge­gan­gen, dass das Ver­fahren, das die Klägerin bei dem Han­dels­gericht Brüs­sel ein­geleit­et hat, nicht diesel­ben Ansprüche im Sinne von Art. 27 Brüs­sel-I-VO bet­rifft, die Gegen­stand des Stre­it­falls sind. Die in Bel­gien gel­tend gemacht­en Ansprüche beruhen auf ein­er Unter­las­sungserk­lärung der Beklagten und ihrem Ver­sprechen, bei Nichtein­hal­tung der Unter­las­sungsverpflich­tung Schadenser­satz zu zahlen; die vor den deutschen Gericht­en gel­tend gemacht­en delik­tis­chen Ansprüche beruhen auf dem Vor­wurf marken­ver­let­zen­den Ver­hal­tens.

Nach der Recht­sprechung des Gericht­shofs der Europäis­chen Union liegt nach union­srecht­sau­tonomem Ver­ständ­nis eine ver­tragliche Stre­it­igkeit vor, wenn zwis­chen den Parteien eine frei­willig einge­gan­gene rechtliche Son­der­beziehung beste­ht, die über die all­ge­meinen Ver­hal­tens­ge­bote des Delik­t­srechts hin­aus­ge­ht. Der Begriff “Ver­trag oder Ansprüche aus einem Ver­trag” kann daher nicht so ver­standen wer­den, dass er für eine Sit­u­a­tion gilt, in der keine von ein­er Partei gegenüber ein­er anderen frei­willig einge­gan­gene Verpflich­tung vor­liegt5. Dage­gen sind delik­tis­ch­er Natur nicht an einen Ver­trag anknüpfende Kla­gen, mit denen eine Schaden­shaf­tung gel­tend gemacht wird, zu denen auch Unter­las­sungskla­gen zählen6.

Aus­ge­hend von dieser Recht­sprechung zu der im EuGVÜ und in der Brüs­sel-I-VO angelegten Unter­schei­dung zwis­chen ver­traglichen und delik­tis­chen Ansprüchen (Art. 5 Nr. 1 und 3 der jew­eili­gen Verord­nun­gen) kön­nen auf einem Ver­gle­ich beruhende und damit ver­tragliche Ansprüche und delik­tis­che marken­rechtliche Ansprüche nicht als der­selbe Anspruch im Sinne von Art. 27 Brüs­sel-I-VO ange­se­hen wer­den, auch wenn ihnen teil­weise das­selbe tat­säch­liche Geschehen zugrunde liegt.

Zutr­e­f­fend hat das Beru­fungs­gericht darauf abgestellt, dass die Anspruchsvo­raus­set­zun­gen für Ansprüche der Klägerin aus dem von den Parteien im Jahr 2006 geschlosse­nen Ver­gle­ich und für delik­tis­che Ansprüche der Klägerin aus § 14 MarkenG nicht diesel­ben sind und die jew­eili­gen Unter­las­sungs- und Schadenser­satzansprüche ein unter­schiedlich­es Schick­sal haben kön­nen. So ste­hen zwis­chen den Parteien im Brüs­sel­er Ver­fahren — anders als im Stre­it­fall — der Bestand der Klage­marke 1 und die Ver­wech­slungs­ge­fahr zwis­chen der Klage­marke 1 und den ange­grif­f­e­nen Taschengestal­tun­gen bei den Jeans­mod­ellen der Beklagten nicht in Stre­it. Dage­gen wird dort über einen Verzicht der Klägerin auf ihre Ansprüche aus dem Ver­gle­ich gestrit­ten. Dies ist eine Frage, die für den Stre­it­fall ohne Bedeu­tung ist.

Da die Anspruchsvo­raus­set­zun­gen in den bei­den von der Klägerin ein­geleit­eten Ver­fahren nicht iden­tisch sind, beste­ht keine Gefahr, dass vor Gericht­en ver­schieden­er Ver­tragsstaat­en Entschei­dun­gen erge­hen, die miteinan­der unvere­in­bar sind. Zutr­e­f­fend hat das Beru­fungs­gericht darauf abgestellt, dass der ver­tragliche Anspruch aus Grün­den des Ver­tragsrechts ein anderes Schick­sal haben kann als der delik­tis­che Anspruch, um den es im Stre­it­fall geht.

Soweit die Gefahr beste­ht, dass die Beklagte auf­grund von Hand­lun­gen, die sowohl als Ver­let­zung der Pflicht­en aus dem Ver­gle­ichsver­trag als auch als Ver­let­zung der Marken­rechte der Klägerin ange­se­hen wer­den kön­nen, in bei­den Ver­fahren zum Schadenser­satz verurteilt wird, hat das Beru­fungs­gericht zutr­e­f­fend darauf ver­wiesen, dass ein in Bel­gien recht­skräftig zuge­sproch­en­er Schadenser­satz­be­trag in Deutsch­land im Betragsver­fahren berück­sichtigt wer­den kann.

Die Frage, ob auf dem­sel­ben tat­säch­lichen Geschehen beruhende delik­tis­che und ver­tragliche Ansprüche “densel­ben Anspruch” im Sinne von Art. 27 Brüs­sel-I-VO darstellen, hat der Gericht­shof der Europäis­chen Union bish­er nicht entsch­ieden. Es beste­ht jedoch keine Ver­an­las­sung, die Revi­sion mit dem Ziel zuzu­lassen, diese Frage im Wege eines Vor­abentschei­dungser­suchens gemäß Art. 267 AEUV zu klären. Im Stre­it­fall beste­hen keine vernün­fti­gen Zweifel an der Ausle­gung des Union­srechts, so dass ein Vor­abentschei­dungser­suchen an den Gericht­shof der Europäis­chen Union nicht geboten ist7.

Bun­des­gericht­shof, Beschluss vom 28. Jan­u­ar 2016 — I ZR 236/14

  1. zu dem gle­ich­lau­t­en­den Art. 21 Abs. 1 EuGVÜ: EuGH, Urteil vom 08.12 1987 — 144/86, Slg. 1987, 4861 = NJW 1989, 665 Rn. 11 — Gubisch Maschi­nen­fab­rik; Urteil vom 06.12 1994 — C406/92, Slg. 1994, I5439 = JZ 1995, 616 Rn. 30 — Tatry []
  2. EuGH, NJW 1989, 665 Rn. 8 und 13 — Gubisch Maschi­nen­fab­rik []
  3. EuGH, NJW 1989, 665 Rn. 16 und 17 — Gubisch Maschi­nen­fab­rik; BGH, Urteil vom 06.02.2002 — VIII ZR 106/01, NJW 2002, 2795 f. []
  4. EuGH, Urteil vom 04.02.1988 — 145/86, Slg. 1988, 645 Rn. 22 — Hoff­mann; Urteil vom 06.06.2002 — C80/00, Slg. 2002, I4995 = NJW 2002, 2087 Rn. 40 — Ital­ian Leather []
  5. vgl. zu der im Wesentlichen gle­ich­lau­t­en­den Vorschrift in Art. 5 EuGVÜ EuGH, Urteil vom 17.06.1992 — C26/91, Slg. 1992, I3967 = JZ 1995, 90 Rn. 15 — Handte/TMCS; Urteil vom 27.10.1998 — C51/97, Slg. 1998, 6511, TranspR 1999, 151 Rn. 17 — Réu­nion Européenne; Urteil vom 20.01.2005 — C27/02, Slg. 2005, I481 = NJW 2005, 811 Rn. 50 — Engler []
  6. EuGH, Urteil vom 01.10.2002 — C167/00, Slg. 2002, I8111 = NJW 2002, 3617 Rn. 36 — Vere­in für Konsumenteninformation/Karl Heinz Henkel []
  7. vgl. EuGH, Urteil vom 06.10.1982 — C283/81, Slg. 1982, 3415 = NJW 1983, 1257, 1258 — C.I.L.F.I.T. []