Kar­tell­ab­spra­che zwi­schen Urhe­ber­rechts­ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on hat die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on, mit der eine Kar­tell­ab­spra­che zwi­schen natio­na­len Urhe­ber­rechts­ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten fest­ge­stellt wur­de, teil­wei­se für nich­tig erklärt.

Kar­tell­ab­spra­che zwi­schen Urhe­ber­rechts­ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten

Der Inter­na­tio­na­le Dach­ver­band von Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten (Con­fé­dé­ra­ti­on inter­na­tio­na­le des socié­tés d’auteurs et com­po­si­teurs, CISAC) ist eine Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on ohne Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht, die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten für Urhe­ber­rech­te, ins­be­son­de­re an Musik­wer­ken, in rund hun­dert Län­dern ver­tritt.

Die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten über­neh­men die Ver­wal­tung die­ser Rech­te, die ihnen ent­we­der direkt von den Urhe­bern oder über eine ande­re Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft, die die­sel­be Kate­go­rie von Rech­ten in einem ande­ren Land ver­wal­tet, über­tra­gen wer­den. Sie ver­ge­ben Ver­wer­tungs­li­zen­zen an gewerb­li­che Nut­zer wie Rund­funk­un­ter­neh­men und Ver­an­stal­ter von Kul­tur­er­eig­nis­sen. Aus den Ein­nah­men für die­se Lizen­zen wer­den – unter Abzug der Kos­ten für die Ver­wal­tung die­ser Gesell­schaf­ten – die Gebüh­ren gezahlt, die die Urhe­ber erhal­ten.

Die CISAC erstell­te im Jahr 1936 einen Mus­ter­ver­trag für Gegen­sei­tig­keits­ver­ein­ba­run­gen zwi­schen ihren Mit­glie­dern. Die­ser Mus­ter­ver­trag dient als unver­bind­li­che Vor­la­ge für Gegen­sei­tig­keits­ver­ein­ba­run­gen, die zwi­schen ihren Mit­glie­dern zur Lizen­zie­rung von Rech­ten zur öffent­li­chen Auf­füh­rung von Musik­wer­ken geschlos­sen wer­den. Jede Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft ver­pflich­tet sich auf der Grund­la­ge der Gegen­sei­tig­keit, den ande­ren Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten ihr Reper­toire zur Ver­wer­tung in deren jewei­li­gen Ein­zugs­ge­bie­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len. Durch die­ses Netz aus Gegen­sei­tig­keits­ver­ein­ba­run­gen kann jede Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft gewerb­li­chen Nut­zern ein glo­ba­les Port­fo­lio aus Musik­wer­ken bie­ten, deren Ver­wer­tung jedoch auf das jewei­li­ge Ein­zugs­ge­biet beschränkt ist.

Im Jahr 2000 reich­te RTL bei der EU-Kom­mis­si­on eine Beschwer­de gegen eine CISAC-Mit­glieds­ge­sell­schaft ein, weil die­se sich gewei­gert habe, ihr eine uni­ons­wei­te Lizenz für Musik­sen­dun­gen im Rund­funk zu ertei­len. Im Jahr 2003 reich­te Music Choice Euro­pe, die einen inter­net­ge­stütz­ten Radio- und Fern­seh­dienst anbie­tet, eine zwei­te, gegen die CISAC gerich­te­te Beschwer­de ein, die deren Mus­ter­ver­trag betraf.

Mit Ent­schei­dung vom 16. Juli 2008 [1] unter­sag­te die Kom­mis­si­on in einem Ver­fah­ren nach Art. 81 EG und ARt. 53 EWR-Abkom­men ins­ge­samt 24 euro­päi­schen Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten, näm­lich

  • AEPI (Grie­chen­land)
  • ZAIKS (Polen)
  • TEOSTO (Finn­land)
  • GEMA (Deutsch­land)
  • ARTISJUS (Ungarn)
  • SOZA (Slo­wa­kei)
  • AKKA/​LAA (Lett­land)
  • IMRO (Irland)
  • EAÜ (Est­land)
  • SPA (Por­tu­gal)
  • OSA (Tsche­chi­sche Repu­blik)
  • LATGA‑A (Litau­en)
  • SAZAS (Slo­we­ni­en)
  • PRS (Groß­bri­tan­ni­en)
  • SACEM (Frank­reich)
  • KODA (Däne­mark)
  • STEF (Island)
  • AKM (Öster­reich)
  • SIAE (Ita­li­en)
  • TONO (Nor­we­gen)
  • STIM (Schwe­den)
  • SGAE (Spa­ni­en)
  • SABAM (Bel­gi­en) und
  • BUMA (Nie­der­lan­de)

den Wett­be­werb zu beschrän­ken, ins­be­son­de­re durch eine Begren­zung ihrer Fähig­keit, gewerb­li­chen Nut­zern ihre Diens­te außer­halb ihres jewei­li­gen Ein­zugs­ge­biets anzu­bie­ten. Die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on, die nur die Ver­wer­tung von Urhe­ber­rech­ten im Inter­net, über Satel­lit und Kabel betrifft, stellt nicht die Exis­tenz der Gegen­sei­tig­keits­ver­ein­ba­run­gen an sich in Fra­ge. Sie unter­sagt jedoch

  • die Mit­glied­schafts­klau­seln: auf dem Mus­ter­ver­trag basie­ren­de Klau­seln, die die Fähig­keit der Urhe­ber ein­schrän­ken, Mit­glied bei Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten ihrer Wahl zu wer­den;
  • die Aus­schließ­lich­keits­klau­seln: auf dem Mus­ter­ver­trag basie­ren­de Klau­seln, die bewir­ken, dass jeder Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft in dem Land, in dem sie ansäs­sig ist, im Hin­blick auf die Ver­ga­be von Lizen­zen an gewerb­li­che Nut­zer ein abso­lu­ter Gebiets­schutz gegen­über den ande­ren Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten garan­tiert ist;
  • eine abge­stimm­te Ver­hal­tens­wei­se, die bezüg­lich der Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten fest­ge­stellt wur­de; danach begrenzt jede Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft in den Gegen­sei­tig­keits­ver­ein­ba­run­gen das Recht, Lizen­zen für ihr Reper­toire zu ver­ge­ben, auf das Gebiet der ande­ren ver­trags­schlie­ßen­den Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft.

Die Kom­mis­si­on ver­häng­te kei­ne Geld­bu­ßen gegen die Gesell­schaf­ten, ver­lang­te jedoch, die frag­li­chen Klau­seln zu strei­chen und die abge­stimm­te Ver­hal­tens­wei­se abzu­stel­len.

Die Mehr­zahl der betrof­fe­nen Gesell­schaf­ten und die CISAC erho­ben beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on Kla­ge gegen die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on.

Mit sei­nen jetzt ver­kün­de­ten Urtei­len Tag erklärt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on für die CISAC und 20 der betrof­fe­nen Gesell­schaf­ten die Ent­schei­dung der EU-Kom­mis­si­on für nich­tig, soweit dar­in eine abge­stimm­te Ver­hal­tens­wei­se fest­ge­stellt wird. Das Euro­päi­sche Gericht ist der Auf­fas­sung, dass die Kom­mis­si­on inso­weit kei­ne hin­rei­chen­den Bewei­se erbracht hat. Denn die Kom­mis­si­on hat zum einen nicht über Doku­men­te ver­fügt, die eine Abspra­che zwi­schen den Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten über die ter­ri­to­ria­le Reich­wei­te der ein­an­der über­tra­ge­nen Man­da­te beleg­ten, und zum andern nicht die Plau­si­bi­li­tät des Vor­brin­gens der Klä­ge­rin­nen erschüt­tert, dass das par­al­le­le Ver­hal­ten der frag­li­chen Gesell­schaf­ten nicht auf eine Abspra­che, son­dern auf die Not­wen­dig­keit zurück­zu­füh­ren sei, wirk­sam gegen uner­laub­te Nut­zun­gen der Musik­wer­ke vor­zu­ge­hen.

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on hat die Kla­gen abge­wie­sen, soweit sie die Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on bezüg­lich der Mit­glied­schafts- und der Aus­schließ­lich­keits­klau­seln betra­fen.

In der Rechts­sa­che der schwe­di­schen Stim wies das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on das Vor­brin­gen die­ser Gesell­schaft ins­ge­samt zurück, da sie das Feh­len des Nach­wei­ses der abge­stimm­ten Ver­hal­tens­wei­se nicht recht­zei­tig gel­tend gemacht hat­te. Auch die Kla­ge der spa­ni­schen SGAE wur­de ins­ge­samt abge­wie­sen, da sie wegen Ver­fris­tung unzu­läs­sig war. Die bel­gi­sche SABAM und die nie­der­län­di­sche BUMA hat­ten gegen die Ent­schei­dung der EU-Kom­mis­si­on kei­ne Kla­ge beim EuG erho­ben.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 12 April 2013 – T‑392/​08 [AEPI], T‑398/​08 [Sto­war­zy­sze­nie Autorów ZAiKS], T‑401/​08 [Sävel­tä­jäin Teki­jä­noi­keu­s­to­imis­to Teos­to ry], T‑410/​08 [GEMA], T‑411/​08 [Artis­jus], T‑413/​08 [SOZA], T‑414/​08 [Autor­tiesī­bu un komu­nicēšanās kon­sul­tāci­ju aģentūra/​Latvijas Autoru apvi­enī­ba], T‑415/​08 [Irish Music Rights Orga­ni­sa­ti­on Ltd], T‑416/​08 [Eesti Auto­ri­te Ühing], T‑417/​08 [Sociedade Por­tu­gue­sa de Auto­res], T‑418/​08 [OSA], T‑419/​08 [LATGA‑A], T‑420/​08 [SAZAS], T‑421/​08 [Per­forming Right Socie­ty], T‑422/​08 [SACEM], T‑425/​08 [Koda], T‑428/​08 [STEF], T‑432/​08 [AKM], T‑433/​08 [SIAE], T‑434/​08 [Tono], T‑442/​08 [CISAC] und T‑451/​08 [Stim]

  1. Kom­mis­si­on, Enschei­dung vom 16.07.2008 – COMP/C2/38.698 – CISAC[]