Staat­li­che Bei­hil­fen für eine Flug­ge­sell­schaft – der Fall All­ita­lia

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat ein Urteil des erst­in­stanz­li­chen Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on bestä­tigt, mit dem die Ent­schei­dun­gen der Kom­mis­si­on über die Rechts­wid­rig­keit des Dar­le­hens des ita­lie­ni­schen Staa­tes an Alita­lia und über die Geneh­mi­gung des Ver­kaufs der Akti­va die­ser Luft­ver­kehrs­ge­sell­schaft bestä­tigt wor­den waren.

Staat­li­che Bei­hil­fen für eine Flug­ge­sell­schaft – der Fall All­ita­lia

Im Jahr 2008 gewähr­te der ita­lie­ni­sche Staat der Luft­ver­kehrs­ge­sell­schaft Alita­lia ein Dar­le­hen in Höhe von 300 Mio. € und räum­te ihr zudem die Mög­lich­keit ein, den Dar­le­hens­be­trag ihrem Eigen­ka­pi­tal zuzu­füh­ren. Nach­dem Alita­lia ihre Zah­lun­gen ein­ge­stellt hat­te, wur­de sie dem Ver­fah­ren der außer­or­dent­li­chen Insol­venz­ver­wal­tung unter­stellt und eine Bank als unab­hän­gi­ger Sach­ver­stän­di­ger benannt, um zu über­prü­fen, ob die Prei­se für den Ver­kauf ihrer Akti­va mit den Markt­prei­sen in Ein­klang stan­den. Die­ses Ver­fah­ren der außer­or­dent­li­chen Insol­venz­ver­wal­tung fin­det in Ita­li­en auf in Schwie­rig­kei­ten gera­te­ne Unter­neh­men, die im Bereich der wesent­li­chen Gemein­wohl­dienst­leis­tun­gen tätig sind, Anwen­dung, bevor sie für zah­lungs­un­fä­hig erklärt wer­den; es ermög­licht die finan­zi­el­le Sanie­rung des Unter­neh­mens durch die Ver­äu­ße­rung sei­ner Akti­va. Die­se Mög­lich­keit ist jedoch dar­an geknüpft, dass ein unab­hän­gi­ger Sach­ver­stän­di­ger prüft, dass die Ver­kaufs­prei­se der betrof­fe­nen Akti­va mit den Markt­prei­sen in Ein­klang ste­hen.

Das von der Com­pa­g­nia Aerea Ita­lia­na (CAI) auf den ent­spre­chen­den Auf­ruf zur Inter­es­sen­be­kun­dung hin abge­ge­be­ne Ange­bot für den Auf­kauf bestimm­ter Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de von Alita­lia wur­de der Kom­mis­si­on von den ita­lie­ni­schen Behör­den über­mit­telt.

Die Kom­mis­si­on lei­te­te hin­sicht­lich der Maß­nah­men über die Dar­le­hens­ge­wäh­rung und die Mög­lich­keit, den Dar­le­hens­be­trag dem Eigen­ka­pi­tal zuzu­füh­ren, ein förm­li­ches Prüf­ver­fah­ren ein. Mit einer ers­ten Ent­schei­dung stell­te sie fest, dass das Dar­le­hen eine mit dem Bin­nen­markt unver­ein­ba­re rechts­wid­ri­ge Bei­hil­fe dar­stel­le, und ord­ne­te die Rück­for­de­rung die­ser Bei­hil­fe von Alita­lia an [1]. In einer zwei­ten Ent­schei­dung ver­trat die Kom­mis­si­on die Auf­fas­sung, dass die Maß­nah­me des Ver­kaufs der Akti­va von Alita­lia nicht die Gewäh­rung staat­li­cher Bei­hil­fen an die Erwer­ber impli­zie­re, sofern die von den ita­lie­ni­schen Behör­den ein­ge­gan­ge­nen Ver­pflich­tun­gen, nach denen der Ver­kauf zu Markt­prei­sen erfol­gen müs­se, in vol­lem Umfang erfüllt wür­den. Im Übri­gen bestä­tig­te die Kom­mis­si­on, dass auch das Ver­fah­ren der außer­or­dent­li­chen Insol­venz­ver­wal­tung, dem Alita­lia unter­stellt wor­den war, nicht zur Gewäh­rung einer Bei­hil­fe zuguns­ten der Erwer­ber füh­re [2].

Die EU-Kom­mis­si­on gelang­te zu der Schluss­fol­ge­rung, dass das von Ita­li­en durch­ge­führ­te Ver­fah­ren kei­ne wirt­schaft­li­che Kon­ti­nui­tät zwi­schen Alita­lia und den Erwer­bern von deren Akti­va impli­zie­re und dass der Ver­kauf kei­ne Umge­hung der Ver­pflich­tung zur Rück­for­de­rung der Bei­hil­fe bewir­ke.

Mit sei­nem Urteil von 2012 wies das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on die hier­ge­gen gerich­te­te Kla­ge von Ryan­air ab und bestä­tig­te damit die Ent­schei­dun­gen der Kom­mis­si­on, mit denen das Dar­le­hen Ita­li­ens an Alita­lia für rechts­wid­rig erklärt und der Ver­kauf von deren Akti­va geneh­migt wur­de [3].

Mit sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on das Vor­brin­gen von Ryan­air gegen das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts in vol­lem Umfang zurück.

Als Ers­tes führt der Euro­päi­sche Gerichts­hof zum Antrag auf Nich­tig­erklä­rung der zwei­ten Ent­schei­dung aus, dass das Gericht die Kom­mis­si­on zu Recht für befugt gehal­ten hat, eine Ent­schei­dung zu erlas­sen, mit der sie fest­stellt, dass kei­ne staat­li­che Bei­hil­fe vor­liegt, und zugleich die von Ita­li­en ein­ge­gan­ge­nen Ver­pflich­tun­gen zur Kennt­nis nimmt. Nach Auf­fas­sung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs han­delt es sich um eine „Ent­schei­dung …, die zur Klar­stel­lung bestimm­ter Punk­te die vom Mit­glied­staat im Sta­di­um der Anmel­dung der strei­ti­gen Maß­nah­me frei­wil­lig ein­ge­gan­ge­nen Ver­hal­tens­pflich­ten berück­sich­tigt“, so dass die­se Ver­pflich­tun­gen Bestand­teil der ange­mel­de­ten Maß­nah­me sind.

Als Zwei­tes stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass das Gericht der Kom­mis­si­on zu Recht nicht vor­ge­wor­fen hat, eine unvoll­stän­di­ge Prü­fung hin­sicht­lich der Ermä­ßi­gung von Belas­tun­gen und hin­sicht­lich der ande­ren Ver­güns­ti­gun­gen, die CAI nach den ita­lie­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten gewährt wor­den sein sol­len, vor­ge­nom­men zu haben, da die­se Maß­nah­men für die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob dem Erwer­ber der Akti­va der Alita­lia-Grup­pe mög­li­cher­wei­se ein Vor­teil gewährt wur­de, nicht rele­vant waren.

Als Drit­tes weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf hin, dass sich Ryan­air nicht gegen die Fest­stel­lung des Gerichts gewandt habe, dass bei der Bewer­tung der Ange­bo­te durch den unab­hän­gi­gen Sach­ver­stän­di­gen das Preis­kri­te­ri­um der aus­schlag­ge­ben­de Maß­stab gewe­sen sei (Kri­te­ri­um der Fort­füh­rung des Diens­tes zweit­ran­gig). Eben­so­we­nig hat Ryan­air die Fest­stel­lung bean­stan­det, dass die Ver­pflich­tung der Fort­füh­rung des Diens­tes nicht unbe­dingt bedeu­te, dass den Wirt­schafts­teil­neh­mer, des­sen Ange­bot berück­sich­tigt wer­de, eine gemein­wirt­schaft­li­che Ver­pflich­tung tref­fe. Jeden­falls hat Ryan­air vor dem Gericht nicht bewie­sen, dass die Not­wen­dig­keit der Sicher­stel­lung einer mit­tel­fris­ti­gen Fort­set­zung des Luft­ver­kehrs­diens­tes zu einer Sen­kung des Prei­ses der Akti­va der Alita­lia-Grup­pe unter den Markt­preis geführt hät­te.

Zur Fra­ge, wel­ches Unter­neh­men zur Rück­zah­lung der Bei­hil­fe ver­pflich­tet ist, stellt der Euro­päi­sche Gerichts­hof schließ­lich fest, dass das Gericht mit der Fest­stel­lung, dass CAI nicht der wirt­schaft­li­che Nach­fol­ger von Alita­lia gewe­sen sei, die ihm vor­ge­leg­ten Beweis­mit­tel nicht ver­fälscht hat: Das Über­nah­me­an­ge­bot von CAI bezog sich näm­lich nur auf bestimm­te Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de im Zusam­men­hang mit der Flug­gast­be­för­de­rung und auf die ent­spre­chen­den Zeit­ni­schen. Es betraf also nicht alle Zeit­ni­schen, die von Alita­lia für die Flug­gast­be­för­de­rung ver­wen­det wur­den, und nur die Hälf­te der 180 Flug­zeu­ge die­ser Luft­ver­kehrs­ge­sell­schaft.

Folg­lich weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on das Rechts­mit­tel von Ryan­air zurück.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 13. Juni 2013 – C‑287/​12 [Ryan­air Ltd/​Kommission, Ita­li­en und Alita­lia]

  1. Komm., Ent­schei­dung 2009/​155/​EG vom 12. Novem­ber 2008 über das Dar­le­hen in Höhe von 300 Mio. EUR, das Ita­li­en dem Unter­neh­men Alita­lia gewährt hat, Nr. C 26/​08 (vor­mals NN 31/​08) (ABl. L 52, S. 3).[]
  2. Komm., Ent­schei­dung C(2008) 6745 vom 12. Novem­ber 2008 betref­fend die staat­li­che Bei­hil­fe N 510/​2008 – Ita­li­en – Ver­kauf der Akti­va der Flug­ge­sell­schaft Alita­lia[]
  3. EuG, Urteil vom 28.03.2012 – T‑123/​09 [Ryan­air /​Kom­mis­si­on][]